Wahre Bildung statt Ware Bildung – Ein Gespräch mit Björn Höcke über Humboldt, Aristoteles und die Schule der Zukunft
Redaktion
Herr Höcke, Sie haben den Niedergang des deutschen Bildungssystems anhand Ihrer jahrelangen Lehrtätigkeit am eigenen Leibe miterlebt. Dieser Niedergang hat eine Vorgeschichte. Welche historischen und ideologischen Weichenstellungen seit den 1960er-Jahren sehen Sie als entscheidend für den heutigen Leistungs- und Werteverfall an Schulen und Hochschulen?
Wir haben es hier mit einer negativen Entwicklung zu tun, die weit über einzelne mißratene Lehrpläne oder bildungspolitische Gesetze hinausgeht. Es sind meines Erachtens vor allem drei Faktoren, die zu dem heutigen Bildungsverfall geführt haben: Erstens die Aufgabe unseres traditionellen Verständnisses davon, was Bildung überhaupt ist und wozu sie dienen soll. Zweitens die allgemeine Verflachung und Verblödung unserer Gesellschaft. Drittens die schlechten, lernfeindlichen Rahmenbedingungen, unter denen heute Schulen ihren Bildungsauftrag leisten sollen.
Diese Faktoren haben ja keine „natürliche“ Ursachen, sondern sind alle menschengemacht. Können Sie konkrete Verantwortlichkeiten für diese Entwicklung nennen?
Der erste Punkt geht zu großen Teilen auf das Konto der „68er“, auf die Sie in Ihrer ersten Frage angespielt haben – wobei wir aber nicht vergessen dürfen, daß damals insbesondere CDU-Kultusminister mit der Destruktion begonnen haben! Der zweite Punkt ist ein quasi ubiquitäres Phänomen moderner Massengesellschaften, die in einen Sog aus Trivialisierung und Rationalisierung geraten sind. Der dritte Punkt resultiert aus den Vernachlässigungen und Verfehlungen herrschender Bildungspolitik, dramatisch verschärft durch eine völlig aus dem Ruder gelaufene Migrationspolitik. Dafür ist die machthabende politische Klasse verantwortlich. Als Folge dieser drei Faktoren sind unsere Schulen zu Symbolstätten einer kaputten Gesellschaft abgesunken und werden gleichzeitig belastet mit einem erzieherischen Reparaturauftrag, der von ihnen nicht geleistet werden kann.
Erziehung ist aber auch Bestandteil des öffentlichen Schulsystems, so steht es zumindest in den Schulgesetzen der Länder.
Ja, aber die Gewichte innerhalb des Bildungs-Erziehungs-Dualismus haben sich immer mehr in Richtung Erziehung verschoben. Das gilt nicht nur für Grundschüler, die entwicklungsbedingt ja schon immer einen hohen Erziehungsanteil benötigen, sondern bis hin zu älteren Schülern an der Schwelle zum Erwachsenenalter. Wenn man sich dazu noch das ständige Therapieren, Integrieren und Inkludieren vor Augen hält, das den Schulen von der Politik aufgenötigt wird, wundert es einen nicht, warum dort bald – überspitzt formuliert – mehr Sozialarbeiter, Inklusionsassistenten und Psychologen als Lehrkräfte beschäftigt sind. Wertvolle Unterrichtszeit geht verloren, um die jeweilige Lerngruppe erst einmal „beschulungsbereit“ zu machen. Für Bildung im eigentlichen Sinne ist da nicht mehr viel Platz.
Sie sprachen davon, daß sich das „traditionelle Bildungsverständnis“ verschoben hat. Was verstehen sie konkret darunter?
Ich meine damit das Humboldtsche Bildungsideal, das über viele Generationen in Deutschland dem Erziehungs- und Bildungswesen zugrunde lag und das uns zur führenden Wissenschaftsnation gemacht hat. Auch im 21. Jahrhundert halte ich es für die beste Referenz für eine künftige Bildungspolitik unter Regierungsverantwortung der AfD. Es rekurriert nicht nur auf einfache Wissens- und Könnensvermittlung, sondern ist ein ganzheitliches Konzept, das die umfassende Entwicklung des Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Können Sie das genauer ausführen?
Ich kann das im Rahmen dieses Gesprächs natürlich nur ganz grob skizzieren. Es sind im Grunde vier Komponenten, die hier zusammenfließen: Im Zentrum steht die Erziehung zur Humanität, die Ausbildung zum Menschsein an sich. Nach unserem europäisch-abendländischen Verständnis besitzt der Mensch nicht nur einen Körper, sondern auch eine Seele und einen Geist. Gemäß einer ganzheitlichen Bildung sollten diese drei Wesensbestandteile in ausgewogener Form Beachtung finden. Hinzu kommt das spezifisch Menschliche am Menschen, das uns unterscheidet von totem Gestein, von Pflanze und Tier: die höhere Reflexions- und Denkfähigkeit und die Fähigkeit zum schöpferischen Gestalten. Wir Menschen sind ja nicht nur „Kreaturen“, sondern auch „Kreatoren“, mit viel größeren Freiheitsgraden als die limitierten Pflanzen und instinktbestimmten Tiere. Das macht letztlich die menschliche Dignität und „Gottesebenbildlichkeit“ aus. Bildung hat nun unter anderem den Auftrag, dieses kreative Potential des Menschen zu wecken und zu stärken. Wir brauchen an den Schulen also neben der Ausbildung eines vernunftorientierten Denkens auch einen ausreichenden Raum für musisch-kreative Betätigungen: Plastizieren, Malen, Zeichnen, Singen, Musizieren. Eine weitere wichtige Komponente neben dieser allgemeinmenschlichen ist die individuelle Entwicklung. Jeder Mensch ist ein einzigartiges Individuum mit eigenen Anlagen, Zielen und Lebenswegen. Einen Beitrag zur Ausbildung dieser individuellen Persönlichkeit kann auch die Schule leisten, soweit das in einem Gruppenunterricht möglich ist. Die dritte Komponente ist das Erziehen zu dem, was die Römer als „Virtu“ und die Griechen als „Arete“ bezeichneten. Es meint die Fähigkeit zur selbstverantwortlichen Lebensbewältigung. Dazu bedarf es neben der heute gern angeführten „Resilienz“ auch einer Vielzahl von lebenspraktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, zuvörderst elementarer Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch Handarbeiten, Werken und Gärtnern. Die letztgenannten Tätigkeiten beugen auch einer einseitigen Verkopfung vor. Die vierte Komponente zielt auf den Menschen als soziales Wesen. Wir leben ja üblicherweise nicht als Eremiten, sondern in Gemeinschaften, in die wir – ich lasse mal offen, ob zufällig oder schicksalhaft – hineingeboren werden. Da ist zuerst die Familie, im weiteren Rahmen ein Stamm oder Volk mit einem eigenen kulturellen Umfeld. Die Schule kann dieses Hineinwachsen, diesen Akkulturationsprozeß befördern, indem sie vor allem auf eine gute Sprachausbildung achtet und den jungen Menschen mit der eigenen heimatlichen Landschaft, Kultur und Geschichte vertraut macht – die Aufgabe klassischer Volks- und Heimatkunde. Auf einer nächsten Stufe steht dann die staatsbürgerliche Erziehung zu Gemeinschaftsverantwortung und Bürgertugenden, ohne die kein Gemeinwesen bestehen kann. Man kann das alles, was ich hier bruchstückhaft angeführt habe, auf das pädagogische Motto zusammenziehen: Unterstütze junge Menschen dabei, das zu werden, was sie sind! Hinter guter Erziehung und Bildung steckt also Aristoteles Entelechie-Gedanke.
Für die philosophisch nicht so bewanderten Leser: Was ist damit gemeint?
Dahinter steht der Gedanke, daß jedes Ding auf der Welt, jedes menschliche Einzelwesen und auch jedes Volk sein Ziel und Zweck in sich selbst trägt – also für seine bloße Existenz keiner spezifischen Begründung bedarf und niemals zum bloßen Mittel reduziert werden soll – wie es der Begriff der Menschwürde ausdrückt. Aber, das ist der entscheidende Punkt, nichts ist einfach fertig vorhanden, alles muß sich in einem evolutiven Prozeß zu sich selbst entwickeln – die Pflanze nach einem vorgegebenen Schema, der Mensch in freier Eigenverantwortung, mit dem Risiko des Verfehlens und Scheiterns. Und ein weiterer Aspekt ist hier wichtig: gleichzeitig steht jedes Ding und jeder Einzelne nicht isoliert für sich, sondern ist mit allem anderen vielschichtig verbunden – gemäß einem großen Gesamtentwurf, dessen genaue Hintergründe wir nicht wissen, sondern nur erahnen können.
Zurück zum Bildungsthema: Konservative Kritik richtet sich unter anderem gegen eine allzu große Gleichmacherei. Was halten Sie von diesem Vorwurf?
Das muß man differenziert betrachten. Mit der zweiten Komponente habe ich ja gerade auf die individuelle Einzigartigkeit jedes Menschen hingewiesen. Das bringt natürlich auch eine große Ungleichheit hinsichtlich Begabung, Intelligenz und Entwicklungsmöglichkeiten mit sich. Ein Teil dieser Ungleichheit ist tatsächlich sozial bedingt, das sollte im Rahmen einer guten Sozialpolitik minimiert werden. Der linken Forderung, daß Bildung kein Luxusgut sein darf, das sich nur Wohlhabende oder Reiche leisten können, stimme ich zu. Dafür sollte ein qualitativ hochwertiges Schul- und Hochschulwesen als wichtiger Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge von der Allgemeinheit für die Allgemeinheit bereitgestellt werden. Erst ein solcher offener Zugang zu Bildungseinrichtungen zeigt ja, daß es eben jenseits der sozialen Herkunft erhebliche Unterschiede in Begabung und Intelligenz gibt, die man nicht einer ungerechten Gesellschaft aufladen kann. Ich finde, jeder Mensch sollte seine Potentiale ausschöpfen können, aber auch seine Grenzen anerkennen. Das macht ihn nicht zu einem nachrangigen Menschen. Goethe hat einmal gesagt, daß der geringste Mensch komplett sein kann, wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten entfaltet. Ich plädiere also auch für ein mehrgliedriges Schulsystem mit ausreichender Durchlässigkeit, das der menschlichen Vielfalt bezüglich Begabung, Neigung und Intelligenz besser gerecht wird.
Und was ist von dem konservativen Vorwurf der Leistungsfeindlichkeit zu halten? Noten, Sitzenbleiben, unterschiedliche Schularten – für die 68er war das alles ja, überspitzt formuliert, nur eine Vorstufe des Faschismus.
Das sind natürlich absurde Behauptungen. Aber auch beim Leistungsprinzip muß man differenzieren und kritisch fragen: von welcher Leistung sprechen wir konkret? Wenn wir eine ganzheitliche Bildung des Menschen wollen, kann es nicht nur um die Abfrage von Wissen gehen. Auch ob Noten in Form von Zahlen ein geeigneter Maßstab für die Leistungsbeurteilung sind, darüber kann man geteilter Meinung sein – wir haben uns als Schüler ja auch nicht selten über ungerechte Noten geärgert. Reformpädagogisch ausgerichtete Schulen beurteilen zum Beispiel in den ersten Jahren in Textform. Wie auch immer: wichtig ist, daß der Schüler regelmäßig eine Rückmeldung über seinen Leistungs- und Entwicklungsstand erhält. Das braucht er zur Orientierung und Motivation.
Die Schulreformen der 70er Jahre wurden von einem OECD-Bericht angestoßen und die Reformen der 2000er-Jahre folgten auf den PISA-Schock, also wieder auf einen Bericht der OECD. Auch die Bologna-Reformen wurden maßgeblich nicht von den autonomen Hochschulen, sondern von der Ministerialbürokratie auf Druck der EU vorangetrieben. Sehen Sie hier eine größere Agenda am Wirken?
Ich will das nicht als großen Plan deuten, aber es hat sich in den letzten Jahrzehnten eine unheilige Allianz aus neolinken und neoliberalen Kräften gebildet, die beide auf ihre Art bildungsfeindlich und verantwortlich für den rapiden Niveauverlust sind. Die Neolinken halten klassische Bildung mit einer pädagogischen Ausrichtung am Höchsten und Besten generell für faschismusverdächtig. Die Neoliberalen reduzieren das Bildungswesen zum Wirtschaftsbetrieb, der möglichst effizient und effektiv arbeiten soll, um gut funktionierende Rädchen für das kapitalistische Räderwerk zu produzieren. Nach dem Motto: Ware Bildung statt wahre Bildung. Beide Ansätze stehen diametral zum Humboldtschen Bildungsideal, sind daher abzulehnen und müssen im Zuge einer alternativen Bildungspolitik überwunden werden.
Viele Beobachter kritisieren, daß das deutsche Bildungswesen unter dem Primat einer falsch verstandenen „Inklusion“ und „Chancengleichheit“ die Begabtenförderung systematisch vernachlässigt. Wie würde eine Bildungspolitik aussehen, die den unterschiedlichen Talenten und Leistungsbereitschaften der Schüler gerecht wird?
Klar ist, daß eine Schule für alle als Ergebnis einer „totalen Inklusion“ kein Ort sein wird, an dem die Förderung von Talenten bestmöglich gelingen kann. Die Ansätze von Binnendifferenzierung und Individualförderung, die in diesem Zusammenhang als probate Mittel verkauft werden, scheitern nach meiner Praxiserfahrung vor allem am Faktor Mensch, konkret am Lehrer. Denn es ist eine unglaublich naive und wirklichkeitsferne Vorstellung, ein Lehrer könnte beispielsweise für eine multikulturelle Inklusionsklasse mit 30 Schülern permanent binnendifferenzierte Unterrichtsvorbereitung, -durchführung und -nachbereitung betreiben. Um ein Mindestmaß an Homogenität herzustellen, braucht es, wie ich gerade anführte, ein zwar durchlässiges, aber gegliedertes Schulsystem. Es ist mitnichten ein überkommenes obrigkeitsstaatliches Relikt. Zu einem solchen differenzierten System gehören dann auch schultypspezifisch ausgebildete Lehrer. Den Weg zum Einheitslehrer wird zu einer weiteren Verflachung führen und muß verlassen werden. Und ja, es ist so, die Begabtenförderung wurde im nivellierenden Zeitgeist vernachlässigt, wie übrigens auch die der männlichen Schüler, die zu oft zu Abgehängten eines verweiblichten Bildungswesens geworden sind.
Sie plädieren also für eine neue Elitebildung?
Es gibt ja heute nicht selten eine Abneigung gegenüber dem Begriff der Elite, wobei ich als Elite weder die heute Machthabenden noch die Prominenz der trivialen Freizeit- und Spaßgesellschaft verstehe, sondern eine Auslese der fachlich und charakterlich Besten. Es gibt in der späten Bundesrepublik starke Ressentiments gegenüber Leuten, die über den Durchschnitt und über sich selbst hinauswachsen. Ich halte das für ein großes Manko, den jedes Gemeinwesen braucht zu seiner Reproduktion und Weiterentwicklung Eliten, die dem Durchschnitt als Vorbild dienen können. Die AfD ist vermutlich die einzige politische Partei in Deutschland, die sich über eine künftige Leistungselite Gedanken macht. Natürlich geht es hier nicht um reines Expertentum, das wäre technokratisch verkürzt. Jede wirkliche Elite besitzt neben den spezifischen Leistungspotentialen ein gemeinschaftsorientiertes Ethos, wie wir es aus dem klassischen Preußentum kennen. Zu diesem Verantwortungsbewußtsein muß im Rahmen einer modernen National- bzw. Staatsbürgererziehung auch in den Schulen hingebildet werden, ohne die Entwicklung des Individuellen zu vernachlässigen.
Das bedeutet also auch die Förderung Hochbegabter?
Ja, und zwar nicht nur in einigen wenigen prestigeträchtigen Nischen. In Thüringen beispielsweise gibt es fünf Spezialgymnasien im Internatsbetrieb. Diese Schulen leisten eine wunderbare Arbeit vor allem in den Bereichen Sport und Musik, also in zwei wichtigen Bildungssegmenten. Wir wollen aber diesen Ansatz noch mehr in die Breite tragen. Das bedeutet zum einen, daß man die Begabtenförderung an allen Schulen ausbaut. Zum anderen wollen wir ein Thüringer Elitegymnasium als Leuchtturmprojekt einrichten, das neben geistes- und naturwissenschaftlichen Schwerpunkten auch reformpädagogische Traditionen aufnimmt und das sich außerdem in einer naturschönen Landschaft befindet, die als besonders wertvoller Resonanzraum einer ganzheitlichen Bildung dienen kann.
Nochmal zurück von einer zukünftigen Elite zu tristen Bildungslage der Gegenwart: Die PISA-Ergebnisse und die steigende Zahl funktionaler Analphabeten unter Schulabgängern sprechen eine deutliche Sprache. Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach falsche Methoden oder curriculare Vorgaben?
Curricula und Methoden werden grundsätzlich in ihrer Wirksamkeit überschätzt. Wichtiger sind erst einmal ein qualitativer Bildungsbegriff und die Ausrichtung nach daraus abgeleiteten Bildungszielen. Natürlich gibt es auch Fehlentwicklungen in diesem Bereich, die schlimme Folgen gezeitigt haben. Zu erwähnen ist hier zum Beispiel das sogenannte „Lesen durch Schreiben“, auch „Schreiben nach Gehör“ genannt. Diese Methode ist nachweislich schlechter als der traditionelle Fibelunterricht, wenn es darum geht, die richtige Rechtschreibung zu erlernen. Und dennoch kann man diese Methode in Thüringen und vielen anderen Bundesländern problemlos als Lehrer einsetzen. Oder schauen wir auf die zunehmende „Digitalisierung“ des Unterrichts. Das ist zwar ein Thema, das ab einem gewissen Zeitpunkt in der Schullaufbahn Einzug halten muß, aber heute viel zu früh Eingang findet. Meiner Meinung nach sollte das erst nach der Grundschule, mit der einsetzenden Pubertät zugelassen werden. In den ersten Schuljahren geht es ja unter anderem darum, die grundlegenden Denkstrukturen aufzubauen und das funktioniert nachweislich am besten durch das analoge Lernen mit „Block und Bleistift“. Auch die Wirklichkeitserfassung muß primär an der greifbaren, nicht an einer virtuellen Welt erfolgen. Die moderne Hirnforschung hat hier klare Empfehlungen ausgesprochen, die auch von den Schulen beachtet werden sollten, anstatt die Schüler mit irgendwelchem digitalen Schnickschnack zu beeindrucken. Das berühmte Buch des Internet-Gründungsvaters Cliff Stoll trägt bezeichnend den Titel „Log out – Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben“, das wird auch von den meisten Digitalgurus aus dem Silicon Valley vertreten und in den Schulen dort umgesetzt. Wir wissen außerdem aus Studien in Skandinavien, wo man sehr früh und sehr stark auf digitale Lernmethoden gesetzt hat, daß Schüler, die digitale Lernmittel nutzen, gegenüber analog unterrichteten Schülern bis zu zwei Jahre Rückstand bei der Lesekompetenz zeigen. Die „digitale Demenz“, die Manfred Spitzer als Begriff prägte, ist wissenschaftlich nachgewiesen, zumindest, solange keine Gesamtbalance über analoge Medien wie zum Beispiel das Buch hergestellt wird. Deswegen machen Dänemark und Schweden gerade eine große Rolle rückwärts. Aber in Deutschland meint man weiterhin, Tablet-Klassen seien die Zukunft. Das hat teilweise schon etwas Religiöses.
Die Autonomie der Schulen und die Rolle der Eltern scheinen heute oft durch bürokratische Vorgaben und ideologische Vorgaben der Bildungsadministration eingeschränkt. Wie könnte man das Verhältnis zwischen staatlicher Steuerung, schulischer Selbstverwaltung und elterlicher Verantwortung neu justieren?
Das ist eine sehr komplexe Frage, die eine ausführliche Antwort erfordert. An dieser Stelle nur so viel dazu: Ich habe mich berufsbedingt intensiv mit Schulentwicklung beschäftigt – sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Die sogenannte „autonome Schule“ war in der inneren Schulentwicklung um die Jahrtausendwende ein großes Thema. Das Ideal war eine Schule, die an einer ganz langen staatlichen Leine hängt und in der ein engagiertes Lehrerkollegium zusammen mit Eltern und Schülern und unter Einbeziehung der lokalen „Stakeholder“ ein eigenständiges und einzigartiges Schulprofil entwickelt. Das Ergebnis sollte eine Schule sein, die im Ort eingebunden ist, in der Lehrer gerne arbeiten, in die Schüler gerne gehen, die Problemlösefähigkeit besitzt und die sich anpassungsfähig in jeder Lage zeigt. Das war eine Schulreform von innen bzw. von unten, die bewußt gegen die äußere Schulentwicklung der 70er Jahre gesetzt wurde, die als „Top-down-Projekt“ gescheitert war. Als Konservativer bin ich ein Freund von Subsidiarität und war damals begeistert von diesem Reformansatz, auch wenn ich bereits wußte, daß es niemals einen Endpunkt in der Schulentwicklung gibt und damit auch nicht das abschließend hundertprozentig optimale Verhältnis von Eltern und Staat mit seiner Schulverwaltung und seinen Schulen. Mein Wunsch sind mündige Eltern, die nicht die Verantwortung auf den Staat und seine Schulen abwälzen, sondern selbst Vorbild für ihre Kinder sein können. Das sind Schulen – gerne auch in freier Trägerschaft –, die Orte der Begegnung sind und in denen ein ganzheitlicher Bildungsansatz vertreten wird. Und das ist ein Staat, der nicht wie der unsere Schulen und Universitäten politisch-ideologisch überformt, sondern weltanschaulich neutral ist und sich ausschließlich an allgemeinen Bildungsaufgaben orientiert.
Viele Beobachter sehen in der Bologna-Reform und der Verschulung der Universitäten einen parallellaufenden Qualitätsverlust der akademischen Bildung. Welche Reformen an den Hochschulen halten Sie für notwendig, um wieder Elitebildung und wissenschaftliche Exzellenz zu ermöglichen?
Der Bologna-Prozeß ist ein Paradebeispiel für das, was ich eingangs erläutert habe: die Zusammenarbeit von neolinker Gleichheitsideologie und kalter neoliberaler Technokratie. Die ökonomistischen Technokraten wollen global standardisierte Studienabschlüsse, um alle Potentiale für ihre Verwertungsmaschine zu mobilisieren. Die linken Ideologen fördern die Nivellierung, also die Angleichung nach unten und unterminieren die Autorität der Professorenschaft. Das gibt sich die Hand, da ein standardisierter, vorstrukturierter Studiengang deutlich weniger professorale Exzellenz benötigt als eine freie Vorlesung. Am Ende stehen flach gebildete, stromlinienförmige Absolventen stehen.
Was wollen Sie gegen diese negativen Entwicklungen konkret unternehmen?
Die Bologna-Reformen könnten jederzeit beendet werden. Die gemeinsame Erklärung, die ihnen zugrunde liegt, ist nicht verpflichtend. Eine AfD-Regierung könnte einen Kurswechsel in Gang bringen. Die Hochschulen hätten dann die Wahl, ob sie Magister und Diplome oder Master und Bachelor vergeben wollen. Das würde aber nichts an den Machtverhältnissen ändern, die sich seit 1999 an den Hochschulen etabliert haben. Diese Strukturen können wir nur über Mittelzuweisung aufbrechen. Damit meine ich aber nicht, daß wir, wie das hier in Thüringen die Landesregierung gerade tut, die Hochschulen über die Hochschulrahmenvereinbarung finanziell disziplinieren. So bindet die gegenwärtige Hochschulrahmenvereinbarung finanzielle Mittel, die die Hochschulen dringend benötigen, an ideologische Vorgaben zur „Klimapolitik“, zur „Gleichstellung“, zum „Kampf gegen rechts“ und so weiter. Diese Vorgaben werden wir ersatzlos streichen, samt der Gleichstellungsbeauftragten. Niemand braucht diese zusätzliche Bürokratie, die die Hochschulen mit hohen Kosten belastet. Das gleiche gilt für die verfaßten Studentenschaften, die fast ausschließlich als Machtinstrument einer kleinen Minderheit linker Aktivisten dienen. Um den Hochschulen eine weitere Einnahmequelle unabhängig von staatlichen Zuwendungen zu verleihen, werden wir Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer einführen. Das sind natürlich erst einmal nur kleine Schritte und wir wissen auch, daß wir in Thüringen das deutsche Hochschulsystem nicht allein grundreformieren können. Aber wir können dafür Anstöße geben.
Die AfD fordert bekanntlich die Ablösung der strikten Schulpflicht durch eine Bildungspflicht, die auch alternative Formen wie Hausunterricht unter klaren Qualitätskriterien ermöglichen würde. Welche konkreten Vorteile sehen Sie in diesem Paradigmenwechsel für die Wiederherstellung von elterlicher Verantwortung, individueller Begabtenförderung und der Abkehr von einem staatlich monopolisierten, oft ideologisch überformten Schulwesen – und wie würden Sie mögliche Mißbrauchsszenarien zugleich wirksam begrenzen?
Zunächst möchte ich klarstellen, daß die AfD in Thüringen diese Forderung nicht explizit erhebt. Das war ein Vorstoß der Kollegen aus Sachsen-Anhalt, dem wir uns aber nicht prinzipiell verschließen. Die etablierten Parteien malen hier den Teufel an die Wand, als würden bei einer Bildungspflicht tausende Kinder verwahrlosen. Fakt ist, daß zahlreiche europäische Staaten Heimunterricht erlauben und dort sehen wir keinerlei solcher Horrorszenarien. Gemeinhin funktioniert das so, daß die Eltern Heimunterricht entweder beantragen oder dem Schulamt anzeigen und das Kind dann eben zu Hause unterrichten oder von einem Hauslehrer unterrichten lassen. Einmal im Jahr muß der Heimschüler dann eine zentrale Prüfung ablegen, die vom Schulamt organisiert und an einer regulären Schule durchgeführt wird. Besteht der Schüler diese Prüfung nicht, kann das Schulamt einschreiten, um sicherzustellen, daß es zu keinen signifikanten Lernrückständen kommt. Auch der Schulabschluß wird über diese zentralen Prüfungen erworben. Es wird also niemand ohne Abschluß dastehen, weil er zu Hause unterrichtet wurde.
Wie ist denn Ihre persönliche Meinung zu einem solchen alternativen Unterrichtsansatz?
Ich bin skeptisch, ob dieses Modell der Schlüssel im Kampf gegen politische Indoktrination sein kann. Es werden ohnehin wohl nicht sehr viele Eltern sein, die dieses Angebot annehmen, in Thüringen vielleicht ein paar hundert. Wenn wir politisch neutrale Bildung wollen, müssen wir das in den Schulen selbst erreichen. Der „Beutelsbacher Konsens“ muß vorbehaltlos gelten. Lehrer, die das Überwältigungsverbot permanent mißachten, müssen dafür mit klaren Konsequenzen rechnen. NGOs, die politische Agitation betreiben, dürfen keine Projekte an Schulen durchführen. Es gibt probate Mittel und Wege, um das zu erreichen. Einer Bildungspflicht braucht es dazu meines Erachtens nicht.
Wir haben über den Bildungsbegriff gesprochen, über die Bedeutung von Curricula und Methoden, das richtige Verhältnis von Eltern, Schule und Staat und wiederholt haben Sie Hinweise gegeben, welche Reformwege beschritten werden müßten, um die deutschen Schulen und Universitäten wieder flott zu bekommen. Und auch über einen rosa Elefanten, der unübersehbar im Raum steht und den Sie am Anfang des Gesprächs auch schon kurz erwähnt haben: die Migration. Wie bewerten Sie den Zusammenhang zwischen ethnisch-kultureller Zusammensetzung der Klassen und dem Niveau des Unterrichts, und welche bildungspolitischen Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Jedem vernünftig Denkenden ist klar, daß ohne gemeinsame Sprache und ohne gemeinsames Kultur- und Wertefundament eine effektive und effiziente Beschulung nicht durchführbar ist. Dieser Tatsache sind sich sogar die neolinken und neoliberalen Migrationsbefürworter bewußt. Deshalb setzt man auch seit vielen Jahren die Symptombekämpfungsmaschine in Gang. Viel Geld wird da reingepumpt, Stütz- und Integrationskurse hochgefahren, was alles enorme Personal- und Finanzressourcen bindet, die an anderer Stelle fehlen. Der ganze Aufwand bringt aber offenkundig wenig bis nichts, wie die Pisa-Studien, die IQB-Studien oder zuletzt wieder der Bildungsmonitor des Instituts der Deutschen Wirtschaft deutlich zum Ausdruck gebracht haben. Letzterer spricht sogar erfreulich unverblümt davon, daß die zu Beginn des Jahrtausends eingeleiteten Reformen im Bildungsbereich durchaus Erfolge gebracht hätten, die positive Entwicklung dann aber mit dem Epochenjahr 2015 abgebrochen sei. Bereits 2003 warnte das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, daß ab einem Migrantenanteil von 20 Prozent das Leistungsniveau „sprunghaft“ abnehme. Die 20 Prozent sind mittlerweile für viele „deutsche“ Schulen Zahlen aus einer glücklicheren Vergangenheit. Die Multikulti-Schule muß eben, wie Jürgen Habermas es einmal für die ganze Gesellschaft formuliert hat, jeden Tag „neu ausgehandelt werden“. Mit der ethnokulturellen „Buntheit“ steigt somit rasant die Überforderung des Lehrpersonals, das den Bildungsauftrag dann auch nicht mehr umsetzen kann. Deshalb fordern wir als AfD-Fraktion im Thüringer Landtag seit langem ein grundsätzliches Umdenken, was Schüler mit einem Förderbedarf zum Erwerb der deutschen Sprache betrifft. Diese sollen zunächst die Sprache intensiv lernen, und zwar nicht nur mittels zwei Stunden Deutsch als Zweitsprache, sondern wirklich an fünf intensiven Tagen pro Woche. In letzter Konsequenz brauchen wir aber eine Migrationswende um 180-Grad inklusive umfassender Remigration. Das bedeutet unter anderem, daß die Integration von Flüchtlingen in unsere Gesellschaft nicht die Zielsetzung sein kann, sondern nach temporärem Schutzstatus die Rückkehr ins Heimatland. Das betrifft die bisherigen Fälle. Künftig sollten auch anerkannte Flüchtlinge gar nicht europäischen Boden betreten, sondern in exterritorialen Aufnahmeeinrichtungen Zuflucht finden. Mette Frederiksen, die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Dänemarks, hat zu diesen Themen in letzter Zeit viel Richtiges und Zielführendes gesagt – aber das ist ja nach Ansicht der bundesdeutschen Sozialdemokraten alles „rechtsextrem“…
Abschließend: Wenn Sie morgen die bildungspolitischen Hebel in Thüringen in der Hand hätten – welche drei sofortigen Maßnahmen würden Sie ergreifen?
Grundsätzlich gilt: Ohne einen tiefen gesamtgesellschaftlichen Bewußtseinswandel und daraus resultierender Reformen in den zentralen Politikfeldern wird die deutsche Bildung nicht zu retten sein. Und wenn uns ein Machtwechsel wirklich gelingt, dann stehen wir am Beginn eines Generationenprojekts. Trotzdem müssen wir irgendwie anfangen, wenn wir in Regierungsverantwortung kommen und das wird voraussichtlich auf Landesebene sein. Für Thüringen sehe ich konkret folgende drei Maßnahmen, die zeitnah umgesetzt werden könnten:
Erstens die Abschaffung des sogenannten Thüringer Bildungsplans „0 bis 18 Jahre“, der schon unter der CDU-Regierung von Christine Lieberknecht begonnen und unter der Ramelow-Regierung finalisiert wurde. In ihm wird nämlich die unsägliche Genderideologie einschließlich der Übergriffigkeit in die sexuelle Selbstbestimmtheit unsere Kinder propagiert.
Zweitens die Entdigitalisierung der Grundschulen.
Drittens der Kampf gegen die ausufernde Gewalt an den Schulen. Sie ist zu erheblichen Teilen migrationsbedingt, wird aber auch allein dadurch befeuert, weil Gewalttäter an unseren Schulen kaum etwas zu befürchten haben. Schon die Erfassung ist weniger als dürftig, die Schulleitungen und Schulämter verfolgen das oft nicht so genau. Und selbst, wenn es nach einer jahrelangen Gewalt-„Karriere“ doch einmal zu einem Schulverweiskommen sollte, dann verschiebt sich das Gewaltpotential eben nur in eine andere Schule. Das ist keine wirkliche Lösung. Wir haben hierzu als Thüringer AfD-Fraktion einen umfangreichen Maßnahmenkatalog erarbeitet. Der sieht unter anderem vor, daß Lehrer ihre ordnende Autorität leichter ausüben können, indem Hürden für Ordnungsmaßnahmen gesenkt werden. Langfristig wollen wir darauf hinarbeiten, daß gewaltaffine Schüler separat unterrichtet werden. Die Schülerschaft darf nicht unter dem Terror einiger Weniger leiden.
Herr Höcke, vielen Dank für das Gespräch.










