Von Kanonenbooten zur Neuen Seidenstraße
Von Jonas Greindberg
Als im Oktober 2025 die chinesische Regierung einen Besuch von Außenminister Johann Wadephul absagte, dürfte ihm klargewesen sein, daß er einen diplomatischen Fauxpas von Gewicht begangen hatte. Wadephul hatte wiederholt den Anspruch Chinas auf Taiwan kritisiert – ein Sakrileg für China, das Taiwan in seiner Verfassung als „geheiligtes Territorium“ bezeichnet. Für die deutsche Industrie kam der Affront zur Unzeit. Denn Wadephul wollte eigentlich die Chinesen beknien, die kurz zuvor verhängten Ausfuhrbeschränkungen auf seltene Erden zurückzunehmen. Um die Hintergründe dieser diplomatischen Verstimmung zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die deutsch-chinesische Geschichte, die zeigt, wie fremd sich die beiden Völker sind und wie viele Vorteile sie trotzdem aus einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit ziehen können.
Der Griff nach Tee und Seide
Bereits Friedrich II. war sich der Bedeutung des Reichs der Mitte bewußt. In seinem politischen Testament notierte der Alte Fritz: „Der Handel ist das eigentliche Ziel der Engländer und Holländer; durch ihn sind sie reich geworden und haben sich eine Macht geschaffen, die ihnen den größten Teil über die Welt der Weltmeere gibt.“ Um Preußen reich und mächtig zu machen, erteilte Friedrich II. einem Kaufmann aus Amsterdam 1752 das Privileg, eine Handelskompanie in Emden zu gründen. Die „Königlich-Preußisch-Asiatische Handlungscompagnie“ war geboren. Der Versuch scheiterte wenige Jahre später am Einmarsch der Franzosen in Emden. Die Mittellage des Reichs hatte Friedrich II. einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Erst britische Kanonenboote brachten die Wende: Mitte des 19. Jahrhunderts zwang Großbritannien die Chinesen mit den Opiumkriegen in die Knie. In den „ungleichen Verträgen“ verpflichtete sich China, seine Häfen für europäische Händler zu öffnen. Um endlich einen Platz an der Sonne zu erlangen, wurde der preußische Diplomat Graf zu Eulenburg nach China entsandt. Ein chinesischer Beamter bezeichnete den Grafen abschätzig als „Häuptling der preußischen Barbaren“, der dem Vorbild der anderen Europäer folgen wolle. Trotzdem wurde 1861 ein Handelsvertrag zwischen Preußen und China geschlossen. Nun konnten sich deutsche Händler unter dem Schutz preußischer Konsuln in Shanghai, Tianjin, Hongkong und anderen Küstenstädten niederlassen. Bereits 1870 waren über fünfzig Firmen in China tätig. Deutschland importierte vor allem Tee, Seide und Porzellan, China dagegen Chemikalien, Maschinen und Elektrotechnik. Die Reederei HAPAG band Shanghai an seine Schifffahrtslinien an. Um die Jahrhundertwende machte Deutschland bereits sieben Prozent des gesamten Chinahandels aus.
Kiautschou – ein imperiales Intermezzo
Als 1897 zwei Missionare in der Provinz Shandong von Einheimischen ermordet wurden, war für Wilhelm II. die Zeit zum Losschlagen gekommen. Deutsche Kanonenboote besetzten die Bucht von Kiautschou und die Hafenstadt Tsingtau. China mußte dem Deutschen Reich das Gebiet in der Größe Hamburgs als Kolonie überlassen. In Tsingtau entstand eine koloniale Musterstadt – mit Brauereien, Kirchen, einer Wurstfabrik, Kanalisation, Schulen, Polizeirevieren und Gerichten. Admiral Alfred von Tirpitz nannte Tsingtau die „Perle der künftigen Weltmeere“.
Mit der Musterkolonie Kiautschou wollte das Deutsche Reich Großbritannien seine Herrschaft über die Meere streitig machen. Dazu wurde Tsingtau zu einem Kohlehafen ausgebaut. Der Kohlehafen sollte es der deutschen Marine als eine von vielen Perlen in einer weltumspannenden Kette ermöglichen, an jedem Winkel der Welt die schwarz-weiß-rote Flagge zu zeigen. Doch das koloniale Vorhaben war dilettantisch umgesetzt: Bei der Erschließung des Hinterlandes mit Eisenbahnen und Bergbaugesellschaften durchstachen deutsche Ingenieure Deiche des Gelben Flusses. Dabei wurden mehrere Dörfer überschwemmt und Hunderte Einheimische ertranken.
Die lokalen Eliten nutzten die Stimmung im Volk, um die Fremden loszuwerden. Der Provinzgouverneur von Shandong entlud 1897 seinen Haß in einer Eingabe an den chinesischen Thron: „Schon lange geht es mit der Moral des Volkes in einem Ausmaß bergab, das nicht mehr toleriert werden darf. Wenn das Vertrauen in die lokalen Behörden schwindet, dann kann sich der Unmut des Volkes in einem Bürgerkrieg entladen.“
Während die Kolonialverwaltung noch davon träumte, Großbritannien den Rang abzulaufen, gründeten die Chinesen eigene Eisenbahngesellschaften und Bergbauunternehmen. Nach wenigen Jahren hatten die findigen Chinesen die deutschen Unternehmen in den Bankrott getrieben. Schließlich wurden die deutschen Unternehmen gar von der einheimischen Konkurrenz übernommen – eine grausame Ironie in einem kolonialen Kontext. Der Preuße war eben zum Kämpfen geboren. Anders als die Engländer verfügten die deutschen Kolonialherren nicht über die Fähigkeit, die Unterworfenen geschickt gegeneinander auszuspielen.
Im Juli 1913 warnte die bedeutende chinesische Tageszeitung Shenbao; „Deutschland hegt gegenüber China große Ambitionen. Sollte sich die Möglichkeit ergeben, würde Deutschland die gesamte Provinz Shandong in seine Einflußsphäre eingliedern und das fruchtbare Hinterland entlang des Ufers des Gelben Flusses kolonisieren.“ Doch dazu sollte es nicht mehr kommen: Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs fielen Japaner und Briten in Kiautschou ein. Am 7. November 1914 kapitulierten die letzten deutschen Soldaten. Die Musterkolonie Kiautschou wurde japanisch.
Stahlhelme für China
Durch den Versailler Vertrag verlor Deutschland seine Kolonien und wurde zu einem Paria degradiert. Auch in China hatten sich trotz des Zehn-Punkte-Plans von US-Präsident Wilson die Hoffnungen auf Unabhängigkeit und Souveränität nicht erfüllt. Das System der „ungleichen Verträge“ blieb bestehen. Das ehemals deutsche Pachtgebiet Kiautschou ging kurzerhand an Japan über – eine Entscheidung, die in Peking wütende Demonstrationen auslöste.
Aus dieser Gemeinsamkeit erwuchs eine Allianz, die heute fast vergessen ist. 1921 schlossen das Deutsche Reich und die junge Republik China auf Grundlage vollständiger Gleichberechtigung einen Freundschaftsvertrag. Deutschland lieferte Fachwissen zum Bau von Industrieanlagen und exportierte Chemieerzeugnisse, Maschinen und Rüstungsgüter nach China. Der chinesische Industrieminister Sun Ke schlug 1928 vor, „vor allem deutsche Industrielle“ einzuladen, um den gewaltigen Nachholbedarf seines Landes zu stillen. Und tatsächlich hob 1931 mit der Gründung der deutsch-chinesischen Luftfahrtgesellschaft EURASIA ein Symbol dieser ungewöhnlichen Partnerschaft in den Himmel ab.
Auch die Wissenschaft blickte nach Deutschland: Der Rektor der Sun-Yat-sen-Universität bat seinen deutschen Lehrer Professor Conrad Matschoß in etwas holprigem Deutsch: „Ich glaube, da soll Deutschland als Industrieland mit seinem Überschuß an geistigen Kräften uns helfen, diese wichtige Lebensfrage Chinas günstig zu lösen, da Deutschland sich grosser Sympathie und Ansehen bei unserem Volke erfreut.“
Zwischen 1928 und 1936 arbeiteten die Reichswehr und das chinesische Militär eng zusammen. Die jungen chinesischen Kadetten trugen Stahlhelme und Uniformen nach deutschem Vorbild, studierten die Lehren Clausewitz’ und übten den Gleichschritt zu Märschen aus Potsdam. Im Zentrum dieser Zusammenarbeit stand Generaloberst Hans von Seeckt. Er empfahl, die im Hinterland verschanzten Kommunisten mit einem stetig vorrückenden System von Blockhäusern zu umzingeln. Von Seeckts Strategie ging auf: 1934 vertrieben Chiang Kai-sheks Truppen die Kommunisten aus der Provinz Jiangxi. Es war der Beginn des Langen Marsches. Besonders folgenreich war von Seeckts Empfehlung, eine kleine, hochgerüstete Eliteeinheit aufzubauen. Was beim deutschen Heer mit seinem hohen Grad an Disziplin und Opferbereitschaft eine gute Strategie war, funktionierte in China weniger gut. Denn 1949 gelang es Maos Kommunisten mit schlecht ausgerüsteten Bauernmassen den chinesischen Bürgerkrieg für sich zu entscheiden. Von Seeckt und Chiang Kai-shek hatten sich offensichtlich vertan. Für ein Land der Menschenmassen ist eine Massenarmee passender.
Erst die Annäherung des nationalsozialistischen Deutschlands an Japan beendete diese bemerkenswerte Episode. Mit der Unterzeichnung des Antikominternpakts im Jahr 1936 wurden die deutschen Militärberater aus China abgezogen. Adolf Hitler war nicht gewillt, für China das Bündnis mit Japan, das gerade große Teile Chinas eroberte, zu opfern.
Im Schatten des Sternenbanners
Seit 1945 hat es keine eigenständige deutsche Außenpolitik mehr gegeben. Erst die Öffnung Chinas nach dem Nixon-Schock und dem Ende der Kulturrevolution eröffneten der Bundesrepublik die Möglichkeit, wieder verstärkt mit China zusammenzuarbeiten. Doch sie tat es nicht als freier Akteur, sondern eingebettet in die Logik des Kalten Krieges. Nach dieser Logik mußte China als Gegenspieler gegen die Sowjetunion aufgebaut werden, damit die USA alleinige Weltmacht werden konnten. Volkswagen, BASF und Siemens trugen dazu bei, daß diese Strategie aufging. Für VW hat sich diese Instrumentalisierung gelohnt. Heute macht der Autobauer aus Wolfsburg rund ein Drittel seiner Geschäfte im Land der Mitte.
Mit dem Ende des Kalten Krieges aber änderte sich das. China war kein nützlicher Partner Amerikas im Kampf gegen Moskau mehr, sondern wurde zunehmend als eigenständige Macht wahrgenommen. Symbolisch für den beginnenden Bruch steht das Jahr 1989: Inmitten der politischen Umbrüche verbannte die Kommunistische Partei die Open Society Foundation des US-Milliardärs George Soros. Die Organisation behauptete später, in „Grabenkämpfe“ zwischen progressiven und autoritären Kräften in der Kommunistischen Partei Chinas verwickelt worden zu sein.
Auch für die Bundesrepublik entwickelte sich China nun zu einem „systemischen Rivalen“. Und einer Gefahr für die weltweite Geltung der Menschenrechte, wie man auf der Netzseite des Auswärtigen Amts lesen kann.
Mit Chinas Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft und seiner Rolle als Pate des BRICS-Bündnisses hat sich die Rivalität weiter verschärft. Unter US-Präsident Barack Obama richtete Washington seine Aufmerksamkeit mit dem „Pivot to Asia“ noch stärker auf China aus. Ein zentrales Element dieser Wendung nach Asien ist die Protektion Taiwans vor chinesischen Ansprüchen. Die Insel wird in Chinas Verfassung aber als Teil seines „geheiligten Territoriums“ bezeichnet. Die USA sehen Taiwan dagegen als ihren Vorhof in Ostasien. Die US-Protektion ging nicht spurlos am Inselstaat vorüber: In vergangenen Jahrzehnt führte Taiwan als erstes asiatisches Land die Homo-Ehe ein, ernannte einen zensurbegeisterten Transsexuellen zum Digitalminister und betreibt den massenhaften Import kulturfremder Migranten aus Südostasien und Indien.
In der Taiwan-Frage zeigen sich deutsche Politiker oft erstaunlich prinzipienfest – manche könnten sagen, dogmatischer als ihre amerikanischen Partner. Dies ist einigermaßen verblüffend. Denn die Protektion Taiwans liegt zwar im geopolitischen Interesse der USA, nicht aber unbedingt auch im deutschen. Dennoch kritisierte der deutsche Außenminister Johann Wadephul mehrfach chinesische Militärmanöver in der Taiwanstraße. Dies war den Chinesen schon lange aufgefallen, bevor Wadephuls berüchtigte Reise nach Peking im Oktober 2025 abgebrochen wurde. Bereits im Mai 2025 hatte Wadephuls chinesischer Amtskollege in einem Telefonat die Differenzen höflich, aber bestimmt angesprochen: China und Deutschland teilten in vielen Fragen gemeinsame Interessen. China hoffe, daß Deutschland die Ein-China-Politik genauso respektieren würde, wie China damals die deutsche Wiedervereinigung unterstützt habe.
Abhängigkeit oder strategische Partnerschaft?
Eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und China steht vor denkbar schlechten Voraussetzungen: Erstens hat die deutsche politische Klasse kein Verständnis für die eigenen nationalen Interessen. In Bezug auf China liegen diese vor allem im Erhalt der deutschen Industrie durch Zugang zu preiswerter Energie und seltenen Erden. Als China kürzlich von deutschen Unternehmen für die Lieferung von seltenen Erden die Preisgabe von sensiblen Informationen verlangte, hätte die Bundesrepublik entschieden handeln müssen, statt die Situation durch unüberlegte Aussagen in der Taiwan-Frage zu verschärfen. Es wird wahrscheinlich eine jahrzehntelange Bildungsarbeit nötig sein, um dieses Bewußtsein in den Köpfen neuer politischer Eliten zu verankern.
Zweitens ist Deutschland seit Beginn seiner Beziehungen mit China fast immer im Windschatten anderer Mächte gefahren: Dank der britischen Opiumkriege erhielt Deutschland Zugang zum chinesischen Markt. Später ermöglichte der Nixon-Schock deutschen Unternehmen, sich wieder im Reich der Mitte niederzulassen. Immer wenn Deutschland gegen die führenden europäischen Mächte agierte, etwa zur Zeit Friedrichs II. oder in der Zwischenkriegszeit, zog Deutschland den Kürzeren.
Vor diesem Hintergrund stellt sich für Deutschland die Frage, wie es seine Interessen überhaupt behaupten kann. Eine Antwort könnte in der Kooperation mit China liegen – allerdings nicht als Abhängiger, sondern als gestaltender Partner. Das Infrastrukturprojekt Belt and Road bietet Ansatzpunkte. Wenn Deutschland sich hier klug einbringt, könnte es Einfluß darauf gewinnen, wo die Energieadern der Zukunft verlaufen – etwa durch Pipelines, die Öl und Gas aus Afrika und Asien nach Europa führen.
Sobald Deutschland wieder über bezahlbare Energie verfügt, stellt sich eine zentrale Zukunftsfrage: Wie kann Deutschland seine Abhängigkeit von verarbeiteten seltenen Erden reduzieren? Eine Kooperation mit China, das rund 70 Prozent der weltweiten Förderung kontrolliert und 90 Prozent der Verarbeitung beherrscht, wäre naheliegend – aber schwierig. Peking hat kaum ein Interesse daran, seine Vormachtstellung in diesem strategischen Markt aufzugeben. Für Deutschland und Europa bedeutet das: Nur der Aufbau einer eigenen Verarbeitungsindustrie für seltene Erden kann auf Dauer echte Unabhängigkeit schaffen. Die Rohstoffe selbst sind vorhanden. Neben China verfügen Rußland, Brasilien, Australien und auch Grönland über erhebliche Vorkommen. Die Herausforderung liegt in der Weiterverarbeitung – ein energieintensiver, hochkomplexer Prozeß, der nur mit massiver staatlicher Förderung in Gang zu setzen wäre.
Mit preiswerter Energie und einer eigenen Verarbeitung seltener Erden könnte Europa den nächsten Schritt wagen – den Aufbau einer konkurrenzfähigen Halbleiterindustrie. Auch hier müßte der Staat über einen langen Zeitraum hohe Summen in den Aufbau dieser Industrie investieren. Gemeinsam mit Partnern wie den Niederlanden, wo ASML als weltweit führender Hersteller von Lithografiemaschinen sitzt, ließe sich eine eigene Wertschöpfungskette schaffen. Der Aufbau einer europäischen Halbleiterindustrie hätte noch einen weiteren Nebeneffekt: Taiwan, das derzeit Weltmarktführer für Halbleiter ist, würde seine geostrategische Bedeutung für Deutschland vollends verlieren.






