Die Behauptung, es gebe keine deutsche Kultur, gehört zu den wohl merkwürdigsten Parolen der Gegenwart. Sie wird nicht als Frage vorgetragen, nicht als vorsichtige Hypothese, sondern meist mit der Attitüde moralischer Selbstverständlichkeit. Politiker bedienen sich ihrer, um Distanz zu allem „Nationalen“ zu markieren; Journalisten wiederholen sie als gedankenlose Floskel; Intellektuelle führen sie als Axiom im Munde, von dem aus sie alle weiteren Schlüsse ziehen. Doch gerade dieser Gestus zeigt die Absurdität der Aussage. Wäre sie wahr, man müßte sie gar nicht so beharrlich betonen.

Denn die bloße Tatsache, daß man diese Frage überhaupt stellt, ist bereits ein kultureller Akt. Ein Volk, das sich seiner selbst befragt, das sein eigenes Wesen in Zweifel zieht, steht in einer geistigen Tradition, die nicht zufällig entstanden ist. Die Selbstkritik, die unnachgiebige Neigung zur Selbstprüfung, ist selbst ein Bestandteil dessen, was man deutsche Kultur nennen kann. Daß Deutsche sich also fragen, ob es eine deutsche Kultur gibt, beweist im selben Moment, daß es sie gibt.

Warum aber ist diese Leugnung so attraktiv geworden? Sie ist nicht Resultat nüchterner Beobachtung, sondern Ausdruck einer bestimmten politischen Stimmung. Sie dient dem Zweck, das Eigenständige, das Unverwechselbare, das Abgrenzende zu tilgen. Wer sagt, es gebe keine deutsche Kultur, will damit implizieren, daß alles Beliebige ebenso gut deutsch sei, daß Herkunft keine Rolle spiele, daß Geschichte sich auflösen lasse in einem endlosen Strom von „Vielfalt“. Diese Haltung ist weniger Beschreibung als Programm. Sie entspringt der Furcht vor der eigenen Identität, jener Furcht, die nur in Deutschland eine solche Radikalität gewinnen konnte.

Kultur als gewachsenes Erbe

Um der Frage gerecht zu werden, muß man verstehen, was Kultur ist. Kultur ist kein dekoratives Beiwerk, kein musealer Schatz, den man nach Belieben ausstellt oder vernachlässigt. Kultur ist die Form, in der ein Volk lebt, denkt, fühlt und wirkt. Sie ist das Sediment aus Jahrhunderten, die in Sprache, Sitte, Architektur, Musik, Kunst und Denken geronnen sind. Kultur ist das, was sich nicht von heute auf morgen austauschen läßt, weil es in den Gewohnheiten, den Gesten, den Liedern, den Überlieferungen steckt.

Die deutsche Kultur existiert genau in diesem Sinne: als gewachsenes Erbe, das nicht zufällig, sondern aus einer bestimmten geschichtlichen Erfahrung heraus entstanden ist. Sie speist sich aus der Landschaft, aus den Wäldern, Flüssen und Städten; sie trägt Spuren der Reformation, der Aufklärung, der Romantik, der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Wer sie leugnet, muß erklären, warum all diese Erfahrungen spurlos am deutschen Volk vorübergegangen sein sollen. Aber nichts daran ist spurlos: die Dichtung Luthers, die Philosophie Kants, die Musik Bachs, die Romane Thomas Manns – sie alle tragen unverkennbar eine Prägung, die aus diesem Volk hervorgegangen ist und anderswo nicht denkbar gewesen wäre.

Ein oft vorgebrachtes Argument lautet, Kultur sei immer durchmischt, nie rein, stets im Austausch mit anderen. Das ist richtig, doch es ist kein Einwand gegen das Vorhandensein einer deutschen Kultur, sondern im Gegenteil ein Beweis dafür. Denn Kultur zeigt sich nicht darin, daß sie hermetisch abgeschlossen wäre, sondern darin, daß sie fähig ist, Fremdes aufzunehmen und Eigenes daraus zu machen. Das Christentum kam aus dem Süden, aber erst in der Übersetzung Luthers gewann es eine Sprachgestalt, die das Deutsche prägte. Die Aufklärung war ein europäisches Projekt, doch nur in Königsberg nahm sie die Form an, die wir mit Kant verbinden. Goethe reiste nach Italien, aber er brachte aus Italien nicht einfach Eindrücke zurück, sondern verwandelte sie in eine deutsche Kunst. Wer also auf „Mischung“ verweist, beweist in Wahrheit die Stärke jener Kultur, die fähig war, das Fremde zu assimilieren, ohne ihre Eigenart zu verlieren.

Die Eigenart des deutschen Geistes

Um zu verstehen, warum es eine deutsche Kultur gibt, genügt es, die eigene Geschichte nicht als Abfolge bloßer Machtverschiebungen, sondern als Entwicklung geistiger Gestalten zu lesen. Ein Volk, das im Mittelalter noch zersplittert war, brachte dennoch Dichtung hervor, die in ihrer Kraft und Eigenheit nicht von einem „Europa im Allgemeinen“ getragen sein konnte, sondern aus der spezifischen Erfahrungswelt deutscher Fürstenhöfe, Burgen und Städte erwuchs.

Später, als die Reformation ihren Durchbruch fand, zeigte sich erneut, daß deutsche Kultur nicht in der Nachahmung fremder Muster besteht, sondern in der Fähigkeit, aus fremden Impulsen eine neue Eigenständigkeit zu formen. Luther war nicht der erste Übersetzer der Bibel, doch seine Übersetzung war die erste, die zur Sprache eines ganzen Volkes wurde. Das Deutsche selbst wurde hier gleichsam geboren in seiner modernen Gestalt: ein Idiom, das nicht nur regional, sondern übergreifend wirkte. Daß dieser Vorgang tief in die Strukturen des Volkslebens eingriff, daß er das Verhältnis zu Glauben, Autorität und Gemeinschaft dauerhaft prägte, ist kein Zufall, sondern ein Indiz dafür, daß sich in Deutschland eine Kultur artikulierte, die die Grundlagen des Lebens von Grund auf formte.

Die Aufklärung, oft als internationaler Prozeß beschrieben, gewann in Deutschland eine andere Färbung als in Frankreich oder England. Während dort der Skeptizismus gegenüber Tradition und Kirche das Hauptmotiv war, blieb die deutsche Aufklärung von einer Neigung zum Systematischen, zum Grundsätzlichen, zum Weltumspannenden durchdrungen. Ein Denker wie Kant konnte nicht aus einem Vakuum heraus entstehen, sondern nur aus einer kulturellen Konstellation, die Ernsthaftigkeit, Disziplin und die Bereitschaft zum radikalen Denken verband. Wenn man Kants „Kritik der reinen Vernunft“ aufschlägt, spürt man nicht nur philosophische Genialität, sondern auch die Handschrift eines Volkes, das gewohnt ist, den Dingen auf den Grund zu gehen und nichts bei oberflächlichen Effekten zu belassen.

Die Romantik wiederum, so gern man sie als bloße Gegenbewegung zur Aufklärung deutet, bezeugt in Wahrheit dasselbe kulturelle Muster: die Sehnsucht nach Tiefe, nach Innerlichkeit, nach dem Unsichtbaren hinter dem Sichtbaren. Ein Volk, das sich in Dichtern wie Novalis oder Eichendorff artikuliert, ein Volk, das den Wald, die Nacht, die Mystik so sehr in sein Empfinden aufnimmt, daß daraus Weltliteratur entsteht, kann nicht behaupten, keine Kultur zu besitzen. Romantik ist kein zufälliger Einschlag, sondern Ausdruck eines deutschen Grundgefühls, das weit über die Epoche hinauswirkt.

Kultur als Einstellung, nicht nur als Werk

Wenn man von deutscher Kultur spricht, darf man nicht an eine bloße Ansammlung großer Werke denken, die man museal aufreihen könnte. Das Wesen von Kultur zeigt sich nicht allein im Genialen, sondern im Gewöhnlichen. Ein Land, das Kathedralen baut, bringt nicht nur Architekten hervor, sondern auch eine Mentalität, die solche Bauwerke für selbstverständlich hält. Ein Volk, das Philosophen wie Hegel oder Heidegger hervorbringt, lebt nicht nur von deren Schriften, sondern auch von einer allgemeinen Neigung zum Grübeln, zum Fragen nach dem Letzten, die sich bis in die sprichwörtliche „deutsche Gründlichkeit“ erstreckt. Kultur ist daher nicht nur das Werk der Großen, sondern das Milieu, das solche Werke überhaupt ermöglicht.

Hier liegt auch ein Mißverständnis vieler Kritiker. Sie halten Kultur für etwas, das man wie eine Ware „hat“ oder „nicht hat“. Doch Kultur ist kein Besitz, sondern eine Form des Daseins. Man erkennt sie nicht nur an Goethe oder Beethoven, sondern daran, wie ein Volk mit seinem Alltag umgeht, welche Werte es stillschweigend teilt, wie es Zeit und Raum erlebt. Die deutsche Pünktlichkeit, so oft belächelt, ist nicht bloß Marotte, sondern Ausdruck eines tieferen kulturellen Verständnisses von Ordnung und Verbindlichkeit. Dasselbe gilt für die Liebe zur Natur, die schon in der Romantik thematisiert wurde und bis in die moderne Umweltbewegung hinein wirkt. Auch dies ist kein zufälliger „Trend“, sondern das Fortleben einer kulturellen Haltung.

Wenn man dies anerkennt, wird auch verständlich, warum die Leugnung deutscher Kultur so fatal ist. Wer behauptet, es gebe sie nicht, verkennt, daß Kultur nicht verschwindet, indem man sie verleugnet. Sie bleibt wirksam, auch wenn man sie nicht mehr sehen will. Doch wenn man sie nicht anerkennt, verliert man die Fähigkeit, sie bewußt zu gestalten. Dann lebt man in einer Kultur, die unreflektiert fortwirkt, während man zugleich so tut, als gäbe es sie nicht. Das Ergebnis ist Orientierungslosigkeit: ein Volk, das seine eigene Prägung nicht kennt, kann sie auch nicht fruchtbar machen.

Die politische Dimension der Leugnung

Wenn heute mit Nachdruck behauptet wird, es gebe keine deutsche Kultur, dann handelt es sich nicht um eine naive Feststellung, sondern um einen bewußten Akt politischer Rhetorik. Die Rede vom „Nichtvorhandensein“ ist ein Instrument, um ein Volk seiner geistigen Grundlage zu berauben. Denn wer keine Kultur hat, hat auch keinen legitimen Anspruch auf Eigenständigkeit. Wer keine eigene Geschichte, keine eigene Sprache, keine eigenen Formen des Ausdrucks kennt, ist beliebig, austauschbar, verfügbar.

Insofern dient die Leugnung deutscher Kultur einer Logik der Entmachtung. Sie ist die geistige Begleitmusik zu einem Projekt, das den nationalen Rahmen auflösen will zugunsten globaler Strukturen. Die Parole „es gibt keine deutsche Kultur“ soll die Vorstellung zerstören, es gebe etwas, das verteidigt werden müßte. Wer keinen Schatz hat, muß auch keine Schatztruhe bewachen. Und so wird das Erbe, das über Jahrhunderte gewachsen ist, rhetorisch annulliert, um es politisch leichter zugänglich zu machen für Prozesse der Entwurzelung und Umformung.

Daß dieser Angriff gerade in Deutschland so erfolgreich sein konnte, hat Gründe. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben das Bewußtsein der Deutschen verwundet. Aus Angst vor erneuter Schuld, aus Furcht vor dem Verdacht der Überheblichkeit, neigt man dazu, alles, was nach „Eigentümlichkeit“ riecht, als verdächtig zu markieren. So entsteht jene paradoxe Situation, daß gerade die Deutschen, die objektiv eines der reichsten Kulturerben besitzen, am hartnäckigsten bestreiten, eine Kultur zu haben.

Selbstbehauptung als kulturelle Pflicht

Wenn es eine deutsche Kultur gibt – und es gibt sie –, dann folgt daraus eine Pflicht: die Pflicht zur Pflege und Selbstbehauptung. Kultur ist nicht nur Geschenk, sondern Aufgabe. Sie zu verleugnen bedeutet, eine Schuld gegenüber den Vorfahren zu begehen und zugleich die Zukunft der Nachkommen zu gefährden. Denn Kultur ist das Band, das die Generationen miteinander verbindet. Ohne sie zerfällt ein Volk in lauter Einzelne, die nur noch als Konsumenten oder Steuerzahler existieren, nicht aber als Träger einer gemeinsamen Gestalt.

Wenn man von Kultur spricht, denkt man oft nur an die Vergangenheit: an alte Bücher, vergilbte Notenblätter, Gemäuer und Denkmäler. Doch Kultur ist kein totes Archiv, sie ist lebendig – und gerade deshalb gefährdet. Sie lebt nicht in Steinen oder Büchern, sondern in den Menschen, die diese Bücher lesen, diese Steine betrachten, diese Musik spielen. Kultur ist nicht Konserve, sondern Gegenwart. Wer sie leugnet, tötet ihre Lebendigkeit, indem er sie als irrelevant erklärt. Doch selbst in dieser Lage bleibt sie wirksam. Sie wirkt in Sprache und Gestus, in Gewohnheit und Empfinden, in der unbewußten Haltung, die ein Volk prägt.

Man darf sich nicht täuschen: Kultur ist nie bloß individuelle Vorliebe. Sie ist kollektive Gestalt, eine Macht, die Generationen überdauert. Man kann sie unterdrücken, man kann sie verschütten, man kann sie ignorieren – aber sie kehrt zurück, weil sie im Wesen der Menschen verwurzelt ist. Die deutsche Kultur, dieses Gemisch aus Ernst, Tiefe, Innerlichkeit und Strenge, hat Katastrophen überstanden, Kriege und Teilungen, Niederlagen und Schuld. Sie war immer bedroht, aber sie war nie ausgelöscht. Daß heute die Parole ausgegeben wird, es gebe sie nicht mehr, beweist nur, daß sie weiterhin vorhanden ist, sonst müßte man sie nicht bekämpfen.

Dauer und Schicksal

Gerade in einer globalisierten Welt, die sich nach Vereinheitlichung sehnt, sind die Eigenarten von unschätzbarem Wert. Die Welt braucht Unterschiede, um lebendig zu bleiben. Deutsche Kultur, in ihrem spezifischen Ernst, in ihrer Fähigkeit zur Tiefe, in ihrer Hingabe an Musik, Sprache, Denken, ist ein unersetzlicher Teil des Weltganzen. Sie zu verleugnen hieße nicht nur, sich selbst zu verraten, sondern auch der Welt etwas zu nehmen, was nur von hier aus hervorgebracht werden kann.

So kehren wir zurück zur Ausgangsfrage. Gibt es eine deutsche Kultur? Die Antwort ist ebenso einfach wie für manch einen unbequem: Ja, es gibt sie. Sie existiert nicht, weil ein Politiker sie ausruft oder ein Intellektueller sie definiert, sondern weil sie in Jahrhunderten gewachsen ist und weiterwirkt, auch gegen Widerstände. Sie lebt in den Werken der Vergangenheit, aber ebenso in den Haltungen der Gegenwart. Sie ist keine Konstruktion, sondern Wirklichkeit. Darum lautet die Antwort nicht nur: Ja, es gibt eine deutsche Kultur. Sondern auch: Es muß sie geben, wenn dieses Volk eine Zukunft haben soll