Mitte November 2025 haben sich die Wiener akademischen Burschenschaften Gothia und Libertas zusammengeschlossen. Mit der Vereinigung zur neuen Libertas werden die Traditionen der inzwischen vertagten Gothia aufrechterhalten und das Vermächtnis der Wiener „Gothen“ an künftige Aktivengenerationen der „Liberten“ weitergegeben. Über die Geschichte der Gothia und ihre Fusion mit der Libertas gibt der folgende Beitrag einen Überblick.

I.

Am 48. Jahrestag des Sieges in der Völkerschlacht bei Leipzig, dem 18. Oktober 1861, gründeten deutschböhmische Hörer des Polytechnikums in Wien die Landsmannschaft „Bohemia“. Man trug eine schwarze Tuchmütze mit den böhmischen Landesfarben weiß-rot und dementsprechend ein schwarz-weiß-rotes Band. Bald zeigte sich, daß der landsmannschaftliche Charakter dem Wesen der Verbindung nicht entsprach und so erklärte sich Bohemia bereits am 12. Dezember 1861 – keine zwei Monate nach ihrer Gründung – zur Burschenschaft. Der Bund pflegte stets eine deutschnationale Gesinnung, so wurde – nicht zuletzt auch aus Protest gegen die 1865 einsetzende deutschfeindliche Politik der Regierung – Ende Juni 1866 der Beschluß gefaßt, die Farben schwarz-rot-gold und den Namen „Germania“ anzunehmen sowie eine weiße Mütze zu tragen. 1874 wurde die Germania behördlich aufgelöst, da bei einem Festkommers Reden gehalten und Lieder gesungen wurden, die der habsburgischen Politik ganz und gar zuwider waren. Nach einer kurzen Zeit im Untergrund konnte der Bund unter dem Namen „Wiener Burschenschaft Germania“ wieder legal an die Öffentlichkeit treten. 1903 wurde in der Lange Gasse 10 ein eigenes Heim mit Kneipe, Aktiven-Räumen und Fechtsaal bezogen, welches dem Bund nach in den Wirren des Zweiten Weltkrieges aber entfremdet wurde. Bis heute sind an der Fassade des ehemaligen „Germanenhauses“ zwei Zirkel dieser alten Wiener Burschenschaft angebracht.

II.

Im Jahre 1885 gründete sich die Fecht- und Kneipriege der „Lesehalle an der technischen Hochschule“, die sich 1891 in den „Verein deutscher technischer Hochschüler Gothia“ umbenannte. Die Verbindung stand in scharfem Gegensatz zur Slawisierungspolitik der Habsburger und vertrat Grundsätze radikaldeutschnationaler Gesinnung im Sinne des alldeutschen Programms von Georg Ritter von Schönerer (†1921) und folgte auch seiner unbedingten Bismarck-Verehrung. Genugtuung auf Säbel zu geben und Einfachheit studentischer Formen im Bundesleben prägten die korporativen Grundsätze der Gothen. Als Farben wählte man schwarz-rot-gold auf silber-blau. Ein Kopfcouleur wurde im Sinne der Einfachheit nicht getragen. Die praktische Umsetzung der radikalen Einstellungen des Vereins (Alldeutschtum in Verbindung mit Antisemitismus und Antislawismus sowie Antiklerikalismus) führte von 1892 bis 1896 mehrmals zur behördlichen Auflösung. 1895 führten die Gothen Kappen und Halbwichs ein, 1899 sodann Vollwichs. 1907 wurde eine große weiche Schlappmütze angenommen. Schon zwei Jahre davor war das konservative Prinzip, Bestimmungsmensur auf Schläger, festgelegt worden. Die Gothia blieb, auch nachdem sie sich im Mai 1905 zur Burschenschaft erklärt hatte, den Idealen Schönerers und Bismarcks verbunden. Die Gothia trat konsequent für den Zusammenschluß der österreichischen Burschenschaften mit der Deutschen Burschenschaft ein, was schließlich 1919 auch gelungen war.

III.

1938 wurden die beiden Wiener Burschenschaften Germania und Gothia im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung aller Hochschulkorporationen aufgelöst. Ihre Mitglieder waren bis 1945 in NS-„Kameradschaften“ organisiert. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes war die burschenschaftliche Bewegung infolge der NS-Affinität vieler ihrer Mitglieder desavouiert. Erst im Oktober 1952 wurde der Altherrenverband der Germania reaktiviert. Bald danach waren Pläne zu einer Fusion mit Altherrenverbänden anderer Bünde und der anschließenden Gründung einer neuen Burschenschaft gereift. Gespräche wurden zunächst mit Mitgliedern der alten Wiener Burschenschaften Eisen, Markomannia und Silvania, insbesondere aber mit der alten Gothia geführt. Die Verhandlungen zwischen den beiden Verbänden führten schon im Dezember 1952 zur Fusion und zur Gründung einer neuen Burschenschaft. Ihr Name wurde von der alten Gothia übernommen, Band und Mütze von der alten Germania. Die Farben wurden mit „schwarz-violettrot-gold“ festgelegt. Der neue Verband bestand aus mehr als 150 Mitgliedern, die neue Gothia war damit eine der stärksten Burschenschaften in Österreich. Ihr Stiftungsdatum schloß an das der alten Germania an. Volkstumspolitisch folgten die neuen Bundesbrüder der gesamtdeutschen Geschichtsauffassung von Heinrich Srbik an und machten dies in der Festlegung eines neuen Bundeswappens auch sichtbar, in welchem die Krone des Heiligen Römischen Reich in das vierte Feld des Schildes eingerückt wurde. Ein Jahr vor dem 100. Stiftungsfest konnte im VIII. Wiener Gemeindebezirk, in der Schlösselgasse 12, ein Haus erworben werden, das als „Gothenhaus“ der Burschenschaft seitdem eine würdige Heimstatt geworden ist.

IV.

Der Altherrenverband der „neuen“ Gothia hat sich im Zuge der Jahrzehnte stetig vermindert, im Jahr 2001 war der letzte Bundesbruder der „alten“ Gothia verstorben, 2007 folgte der letzte der „alten“ Germania. Die Abgänge konnten – dem Zeitgeist geschuldet – durch Neuzugänge von Aktiven nicht adäquat ausgeglichen werden. Nachdem die Gothia im Sommersemester 2011 mit etwa 60 Bundesbrüdern noch das 150. Stiftungsfest begangen hatte, mußte sie kurz darauf − mit nur mehr einem Aktiven am Ort − die Vertagung beschließen.

V.

Im Studienjahr 2024/25 wurden Fusionsverhandlungen mit der Wiener akademischen Burschenschaft Libertas aufgenommen, die im Mai 2025 erfolgreich abgeschlossen werden konnten. Unter den Mitgliedern der beiden Korporationen bestanden über Generationen hinweg schon vielfältige Verbindungen und Freundschaften. Die „alte“ Libertas hat es als eine Bereicherung angesehen, mit den Gothen überzeugte Burschenschafter für eine gemeinsame Zukunft gewonnen zu haben.

VI.

In Anerkennung ihrer Verdienste im Verband der deutschen Burschenschaften in Österreich wurden Farbenband und Wappen der Gothia für den neuen gemeinsamen Bund übernommen. Die „neue“ Libertas ist – nachdem sie im Mai 2025 ihr 165. Stiftungsfest begangen hatte – nun die mitgliederstärkste Burschenschaft Österreichs. Die Vereinigung der beiden Bünde wurde am 15. November 2025 mit einem feierlichen Kommers am Liberten-Haus feierlich besiegelt.

Ad multos annos!