BURSCHENSCHAFTLICHE BLÄTTER | 64 des Tastens, Sehens, der Jagd die Beute zu seinem Eigentum macht und sich dadurch im Lebenskampf durchsetzt. Der Mensch wird nun zum Menschen jedoch dadurch, daß er durch eine bestimmte kör- perliche Mutation, die Hand, die Waffe und Werkzeug zugleich ist, in der Lage ist, seine Umwelt auf be- stimmte Art und Weise zu formen. Und gleichzeitig mit dieser Muta- tion, denn Spengler war Gegner der für ihn sehr flachen und „eng- lischen“ Lehre Darwins, kommt in ihm der Drang, diese Hand auch mit etwas auszustatten, nämlich dem künstlichen Werkzeug, das er sich selbst schafft. Damit durchbricht erstmals ein biologischer Organis- mus den Zwang der Gattung, geht über Bienenwaben und Jagdtech- nik des Löwen hinaus zu einer wirk- lichen Individualität, und die ganze Vorzeit ist für Spengler keine Ein- heit des Stils, sondern ein einziges Werkeln der Menschen nebenein- ander, ohne feste Einheit oder Stil. Ab hier beginnt mit Spengler auch das Nachdenken im höheren Sinne und bilden sich auch die zwei Arten des Denkens aus, die sein Werk von Anfang bis Ende begleiten, nämlich das zielorientierte Denken in Tat- sachen und das Begriffe zerlegen- de Denken in Wahrheiten. Damit aber, symbolisiert etwa durch die Erfindung des künstlichen Feuers, trennt sich der Mensch von der restlichen Natur ab, wird ihr Feind, versucht, sie sich untertan zu ma- chen, und alle seine Erzeugnisse sind künstlich, der Natur im eigent- lichen Sinne zuwider. Als nächste große Mutation kommt, wohl im fünften Jahrtausend vor Christus, wieder gleichzeitig und plötzlich, sowohl das Sprechen als auch die erste große Knechtung der Natur durch den Menschen, nämlich die Domestizierung verschiedener Tier- und Pflanzenarten, das Töp- ferwesen und der Bau permanenter Behausungen, der primitive Berg- bau, die Entwicklung einer ersten Form von Schifffahrt und Fernhan- del. Das Sprechen ist wieder Er- gebnis wie Voraussetzung all dieser großen Unterfangen, des „plan- mäßigen Tun zu Mehreren“, denn nun reicht es nicht mehr, selbst vor sich hin zu arbeiten, es bedarf der gesellschaftlichen Organisation, der Hierarchie, der anleitenden Führerarbeit und der ausführenden Arbeit, und dazu braucht es immer komplexere Formen der Mitteilung. Diese neue Form der Organisation bringt den Verlust der alten, raub- tierhaften Freiheit zugunsten des Gemeinwesens, zugunsten von Stamm, Volk und Staat, bringt an- statt der Einzelkämpfe den Krieg, anstelle der Vernichtung der Unter- worfenen, die als Futterkonkurren- ten betrachtet werden, nun deren Stellung unter eigenes Recht be- ziehungsweise deren Versklavung, denn jede technische Innovation T K N U P R E W H C S spart nicht Arbeitskraft, sondern verlockt zu neuen Erfindungen, neuen Projekten, braucht mehr ar- beitende Hände. FORTSCHRITT UND ENTFREMDUNG Gleichzeitig mit dieser Kollekti- vierung des menschlichen Lebens beginnt der Protest dagegen: Der Seeraub, die Landpiraterie der No- madenstämme, deren Lebensform schon wieder eine Flucht vor der Seßhaftigkeit darstelle, die Unter- werfung von Bauernstämmen durch einen kriegerischen Adel. Hier beginnt nicht der Haß, den man dem gleichrangigen Feind schuldet, sondern die Verachtung gegen die Sklavenseelen, denn auch seelisch degeneriert der technische Fort- schritt den Menschen; die Anzahl der „Hände“ wächst ins Unermeß- liche, die Anzahl der Führernaturen bleibt konstant gering. Die Idee der Persönlichkeit wird hier aus Protest dagegen geboren und drückt sich kontinuierlich in der Geschichte in den Eroberern und Abenteurern, Einsiedlern und Bohemen, ja selbst einen bestimmten Typ von Verbre- cher aus, die allesamt dem Sog die- ser Masse entkommen wollen. Aus diesem primitiven Grund erheben sich die Hochkulturen im dritten vorchristlichen Jahrtausend; man merkt, wie das Tempo der Weltge- schichte zunimmt. Nun zählt jedes Jahrzehnt, gar jedes Jahr, und hat eine erkenn- und abgrenzbare „Ge- stalt“. Nun kommt jenes Schicksal, daß in den Tempeln der Frühzeit beginnt und innerhalb eines Jahr- tausends in den Weltstädten der Spätzeit vollendet wird. Die Ange- hörigen der Hochkulturen wohnen im Vergleich zu ihren Vorgängern und primitiven Nachbarn in un- vergleichlichem „Luxus“, und dies nicht nur die Oberschichten, son- dern auch schon die einfachsten Arbeiter, was der Fremde, der Bar- bar gleichzeitig nur bewundern und hassen kann. Bei gleichbleibendem Output kann durch Automatisierung, Rationalisierung sowie Syn- ergie- und Skaleneffekte der notwendige Input an Arbeit, Kapital oder Ressourcen reduziert werden. Foto: Gemeinfrei (bearbeitet)