BURSCHENSCHAFTLICHE BLÄTTER 9 | fügten vormodernen Weltbildes und die Frage danach, wie die Gruppe an Menschen, die an den neuen modernen Nationalstaaten und seinen Partizipationsmöglich- keiten teilnehmen sollte, überhaupt auszusehen hätte, schuf überall in Europa ein Sieben und Sichten in den Äckern und Gebeinhäusern, in den staatlichen Archiven und pri- vaten Sammlungen, um zu zeigen, daß dieses oder jenes Volk „schon immer“ da und dort gesessen hät- te, schon seit antiken Zeiten kul- turell überlegen gewesen ist oder es durch seine höhere rassische Qualität verdient habe, über diese oder jene ethnische Minderheit, diese oder jene Stadt, dieses oder jenes Flußufer, Bergtal oder Mee- resgebiet zu herrschen. Die Eman- zipation der Juden in West- und Mitteleuropa tat ihr Übriges, denn sie stellte dem etablierten akade- mischen Bürgertum und dem auf- stiegsorientierten Mittelstand nun eine mehr oder weniger klar defi- nierte nationalreligiöse Gruppe als Konkurrenz an die Seite. Die Über- schneidungen zu den anderen, eta- blierten Lagern der Rechten waren anfangs noch relativ groß, und es darf auch nicht vergessen werden, daß eine größere Anzahl von Kon- vertiten aus dem Lager der Links- liberalen und Radikaldemokraten nun herüberkam, die sich in einer politischen Strömung sammelten, für die Volk und Herkunft, Blut und Rasse, und die Vorstellung eines mehr oder minder totalen Konnex zwischen Herkommen und Sein das zentrale Postulat darstellte. Die Völkischen haben durch diesen Hang zum Grundsätzlichen immer eine Tendenz ins Religiöse gehabt, genauer ins „arteigene“ Religiöse, in ein „germanisches Christentum“, eine „deutsche Gotterkenntnis“ und alle möglichen neopaganen Verirrungen und -wirrungen. Aber, wie dies Weissmann de facto in der neueren Auflage der „Konser- vativen Revolution“ getan hat, die Völkischen auf das völkische Gott- suchen zu beschränken, wird dem Ganzen nicht gerecht. Der völki- sche „Mainstream“, etwa der Völ- kische Reichsausschuß der DNVP oder die Deutschvölkische Frei- heitspartei, beschäftigte sich nicht parteioffiziell mit diesen Themen, und die Mehrheit von Basis und Führungspersönlichkeiten blieben evangelisch oder zumindest kul- turprotestantisch. Die völkische Bewegung hat auch nie ganz ihre Bodenhaftung im (national)libera- len Bürgertum verloren; geistige Spiele um „Zuchtfabriken arischen Menschentums“ standen eher un- verbunden neben einer politischen Praxis, die durch und durch eine Vertretung mittelständischer Inter- essen war, und die Forderung nach der Diktatur stand doch einer aus- geprägten Abneigung gegen den totalen Staat, zunächst gegen den Faschismus, dann auch gegen die Massenmobilisierung im National- sozialismus, gegenüber, die etwa Hans F.K. Günther in seinen poli- tischen Memoiren zu einem sehr scharfen Beobachter des Dritten Reiches machte. Die völkische Be- wegung hat logischerweise durch die Abkunft des nationalsozialisti- schen Vernichtungsantisemitismus aus ihrem Gedankengut weder in der Gesamtgesellschaft, noch in der deutschen Rechten nach dem Kriege eine große Rolle gespielt. Durch die ethnischen Konflikte der Gegenwart ist es im Untergrund der Rechten wieder zu einem Erstarken dieses Denkens gekommen, wenn- gleich in einer oftmals abgeflach- ten oder stark übersteigerten, neo- paganen Form. An dieser Stelle ist natürlich auch zu erwähnen, daß die Vorstellung vom Volk als Ab- stammungsgemeinschaft keines- wegs eine rein „völkische“ Idee ist, sondern als Vorstellung so alt ist wie die Kulturmenschheit selbst. DER FASCHISMUS, DIE NACHKRIEGSRECHTE UND IHRE ZUKUNFT Der Faschismus ist nicht aus sich selbst heraus zu denken. Es gibt in diesem Sinne auch keine kohären- te faschistische Weltanschauung, sondern eher eine Ansammlung an Gefühlen und unkonkreten Ideen, und alle Versuche, ein geschlos- senes ideologisches Gebäude zu schaffen, stießen im eigenen La- ger auf größte Widerstände, nicht zuletzt von den Führern wie Hitler und Mussolini. Der Faschismus ist ein Kind des Krieges und ein Kind des Bolschewismus. Er ist insofern ein Kind des Krieges, als daß dieser Krieg in allen teilnehmenden Staa- ten der europäischen Welt, aber insbesondere unter den Verlierern oder zu kurz gekommenen Gewin- nern einen neuen gesellschaft- lichen Typus schuf, nämlich den Frontsoldaten, der nicht einfach im Frieden in der Heimat wieder verschwindet, sondern eine dauer- hafte Erscheinung wird, für den mit dem Weltkriege die alte Welt und ihre Werte zu Ende waren, der Kampf ein Wert an sich wurde und für die auch die soziale Distinktion nur noch auf die Funktionalität in ei- ner nationalen Gemeinschaft redu- ziert wird, die „organisch“ gedacht, aber maschinengleich gebaut wird. Der zweite Aspekt ist der Bolsche- wismus in Rußland als absoluter Zivilisationsbruch, der mit der Ver- nichtung von Staat und Gesell- schaft des petrinischen Imperiums und seinem Streben nach der Welt- herrschaft, das überall Proselyten und „nützliche Idioten“ fand, eine genauso radikale Antwort, einen Konterbolschewismus provozieren mußte, der sich im Nationalsozia- lismus in vielerlei Hinsicht bei allen kontingenten Faktoren zu seiner logischen Konsequenz geführt wurde. Militarisierung der Gesell- schaft, totaler Staat, nationale Ge- meinschaft, Lenkungswirtschaft, Führerkult und Antimarxismus, all diese Elemente waren in Teilen der Rechten und bei der kulturellen Avantgarde der Vorkriegszeit schon da, aber nur die besondere Abfolge der Ereignisse machte diejenigen Bewegungen als erfolgreiche poli- tische Projekte möglich, die hier, bei allen Unterschieden, unter dem Begriff „Faschismus“ zusammen- gefasst werden (dazu seien auch explizit die sogenannten „National- revolutionäre“, die sich ja teilweise selbst als „deutsche Faschisten“ bezeichneten und deren Bewunde- rung für die Aufbauleistungen der UdSSR ja keineswegs einzigartig und auch bei vielen Führern und Gefolgsleuten des Faschismus an der Regierung zu finden sind, in- kludiert). Gerade deshalb ist ein Fa- schismus nach dem Ende des Zwei- ten Weltkrieges, der mit der totalen T K N U P R E W H C S