Die Rechte und ihre Strömungen
Von Tobias Neuer
Wer die Rechte irgendwie fassen will, der muß zunächst feststellen, wo sie zeitlich nicht ist. Weder der Streit zwischen Ghibellinen und Guelfen, noch der von Protestanten und Papisten oder Absolutisten und ständischen Konservativen gehören in irgendeiner Weise zur Geschichte der Rechten, und wer so etwas behauptet, macht sich lächerlich. Die politische Rechte ist, wenn man sie irgendwie sinnvoll definieren will, ein Phänomen der europäischen Moderne, die im Rahmen dieses Artikels als zwischen 1776 und 1848 beginnend definiert werden. In dieser Zeit kommt es zu einer Reihe von Erschütterungen auf dem politischen, militärischen, ökonomischen, wissenschaftlichen, philosophischen, sozialen und demographischen Bereich, die das Staatensystem Europas umformen und zu einem Weltsystem erweitern, die societas civilis durch die bürgerliche Gesellschaftsform ersetzen, die christliche Religion zugunsten eines Fortschrittsglaubens zurückdrängen und erstmals in der Geschichte des Abendlandes Massen und deren demagogische Führer zu einem teilweise entscheidenden Faktor der Innenpolitik machen. Der Übergang von der Vorstellung einer festgesetzten Gesellschaftsordnung zu der Lebenswelt, die eine tabula rasa möglich erscheinen läßt, erschafft die Weltanschauungsparteien, und vor allem die Rechte, die inhärent sehr viel partikulärer, verankerter und innerweltlicher ist als das „ewige“ Substrat einer im Zweifelsfall im geschichtlichen Prozeß immer wieder auftretenden „ewigen“ Linken.
Es dauert zunächst eine ganze Weile, bis diese Umbrüche auch irgendwie weltanschaulich verarbeitet werden und sich mehr oder minder klare politische Fronten herausbilden können. In England etwa stehen sich Ultra-Tories und Frühsozialisten in ihrer Verdammung des Industriekapitalismus und der liberalen Nationalökonomie sehr nahe, Lassalle und andere vor ihm konnten noch von einem „sozialen Königtum“ in Preußen schwärmen, und es dauert eine ganze Weile, bis das deutsche Bürgertum sich im Umkreis der Jahrhundertmitte in linke „Demokraten“ und rechte „Liberale“ aufspaltet. Aber doch prägt sich langsam eine klare Trennlinie aus, die man bis heute so aufrechterhalten kann.
Die Linke ist die Partei des Ausbruchs aus der Geschichte, aus Hierarchie, Religion und gesellschaftlichen wie natürlichen Zwängen. Das Himmelreich auf Erden, ob man es nun Kommunismus, Anarchie, Sozialismus, demokratische Gesellschaft oder anders nennt, wird zum Ziel der Anstrengungen. Wenn man nun die Rechte auf einen elementaren Gehalt prüfen will, so kann sie dem entgegengesetzt als Partei der Geschichtlichkeit gelten. Sie klammert sich an diejenigen Überbleibsel des Okzidents, die im Chaos der Moderne die Prozesse der Wandlung in sichere Bahnen und verwertbare Ergebnisse umwandeln und verachtet das absichtliche Niederreißen aller überkommenen Lebensformen der höheren Kultur, welche die Linke betreibt. Abgesehen von der Frage, ob ein postgeschichtlich-utopischer Zustand ohne Mangel und Distinktion, auch ohne die Zwänge der Biologie möglich ist, will die Rechte diesen Ausbruch einfach nicht wagen. Die Gruppen, die die Rechte verteidigt, haben trotz der Diffusion der Weltanschauungen rechts der Mitte kaum verändert. Es handelt sich um die staatliche Autorität, im Idealzustand der Rechten eine traditionsreiche Monarchie, die Kirche, die Armee und generell alle Einrichtungen, Bräuche und Verbände, die als Mächte der Ordnung, Distinktion und Exzellenz gelten. Hinzu kommt in weiten Teilen des alten Europas durch die Versöhnung von ausgehendem Konservatismus und nationalem Liberalismus die Verteidigung des Privateigentums, das von der Linken grundsätzlich angegriffen wird. Die Rechte, das ist jene heterogene Koalition in Frankreich nach 1848, die Louis Napoléon auf den Kaiserthron brachte, das ist die Koalition aus Konservativen und Liberalen, die Bismarcks Indemnitätsvorlage im Preußischen Landtag eine Mehrheit gaben und ihm in Form des „Kartells“ weite Teile seiner Amtszeit hindurch deckten, das sind die Anti-Dreyfusards, denen die Unschuld des jüdischen Hauptmanns egal war, weil die Armee die einzige Kraft darstellte, die Frankreich geblieben war und unbedingt gedeckt werden mußte. Und es sind jene Männer der Tories und Whigs, die in den Methoden verschieden und oft verfeindet, doch durch ihre politische Kultur im Unterhaus die welterobernde Kräfte Englands freisetzten und koordinierten. Da die Rechte das Konkrete verteidigt, sich also an den reichen Schatz historischen Menschentums klammert, ist sie gleichzeitig eine sehr heterogene Gruppe, oftmals zerstritten, und sehr oft nur im Moment einer durch die Linke oder einen externen Feind verursachten Krise vereint.
Im Folgenden sollen, ohne zu behaupten, daß diese Zeilen irgendwie originell sind, und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, einige Hauptströmungen der (deutschen) Rechten dargestellt und voneinander abgegrenzt werden. Daß dabei Archetypen eine große Rolle spielen, versteht sich von selbst.
Die Konservativen
Die Konservativen sind an sich eine vormorderne Erscheinung, die in die Rechte eingeschmolzen wurden. Der Konservatismus beginnt nicht bei Burke, der ein Whig war, sondern im Kampf gegen die Aufklärung und vor allem gegen den aufgeklärten Absolutismus, der den Staat und die Macht permanenter Bürokratien gegen die altständischen Rechtsordnungen und Privilegien durchsetzen will. In die Rechte rutscht er dadurch, daß ihm der Untergang droht. Die Welt nach der Bastille, nach dem Terror und nach dem weltverändernden zwanzigjährigen Heerzug Napoleons ließ sich nicht mehr zurückdrehen. Man blicke nur auf die Verfassung des Restaurationskönigtums in Frankreich nach 1814/15, die nicht die Stände wieder einführte, sondern ein Klassenwahlrecht nach Steueraufkommen, mit einem hochadeligen Oberhaus als Trostpreis für die Exilanten, die keineswegs ihre enteigneten Ländereien vollständig zurückerhielten, einführte. In Preußen siegen die Konservativen unter dem Romantiker auf dem Königsthron 1848/49 nominell, erleiden aber eine schwere moralische Niederlage durch ihren Kampf gegen die Einigung der Nation und werden widerwillig errettet durch den „weißen Revolutionär“ Bismarck, dessen Kampf um die Heeresreform klar machte, daß man durch einen starken Mann zwar das bürgerliche Parlament lenken, aber nicht mehr abschaffen konnte. Die weitere Geschichte der Konservativen im Deutschland des Zweiten Reiches ist geteilt in eine explizite „Partei Bismarcks“, die Freikonservativen (auch Reichspartei genannt), und jene Hochkonservativen, die sich zwar aus protestantisch-konfessionellen Gründen im Kulturkampf gegen den ersten Reichskanzler stellen mußten, aber ansonsten mit ihren Standesgenossen von der Reichspartei und den bürgerlichen Nationalliberalen in Preußen und im Reich ein „Kartell“ bildeten, das sich gegen den Aufstieg der Sozialdemokratie und für den Schutz von Armee und Krone einsetzte. Wie sehr das Momentum des realweltlichen Eigentumsschutzes gegen Sozialismus, linkes Zentrum und Teile des Fortschritts jeden Einsatz für eine ideelle, am mittelalterlichen Feudalwesen orientierte Ordnung ersetzt hatte, die bei Friedrich Julius Stahl (übrigens in seiner Jugend Burschenschafter) und den Gebrüdern von Gerlach noch eine Rolle spielte, bemerkt man daran, daß das Wirken der ostelbischen Konservativen im Reichstag sich mehrheitlich in der Etablierung und Erhaltung von Schutzzöllen für die Landwirtschaft darstellte. Mit dem Ende des Weltkrieges waren auch die letzten Kräfte erschöpft. Die Hochkonservativen existierten zwar als „Konservativer Hauptverein“ weiter, gingen aber faktisch in der Deutschnationalen Volkspartei auf, die explizit den Schulterschluß zwischen Konservativen, Liberalen, Völkischen und nationalistischen Gewerkschaftsverbänden erreichen wollte. Im Kreis um Alfred Hugenberg, damals Beauftragter der Parteileitung „für das liberale Bürgertum“, brachte man es sehr gut auf den Punkt, als man feststellte, daß mit dem Ende des wilhelminischen Reiches die Distinktion zwischen Konservatismus und Liberalismus im Großen und Ganzen erledigt hätte und nun der gemeinsame Kampf gegen den Sozialismus unbedingt im Vordergrund stehen müsse. Mit der Entmachtung des Adels im Heer nach dem 20. Juli und der Vernichtung seiner ökonomischen Grundlage durch Bodenreform und Vertreibung findet er seinen endgültigen Abschluß in Deutschland.
Die Altliberalen
Es mag in gewisser Weise überraschend scheinen, eine Spielart des Liberalismus als Spielart der Rechten zu bezeichnen. Zu oft wurde in der sogenannten „Neuen Rechten“ gebetsmühlenartig die Feindschaft gegen den politischen und wirtschaftlichen Liberalismus gepredigt, und in der Form der Konservativen Revolution hat man eine populäre konstruierte Traditionslinie, die diese Vorurteile zumindest teilweise ebenfalls bestätigt. Der Liberalismus geht mit der Herausbildung der Moderne einher. Es wäre vermessen, hier Henne und Ei auszumachen und Kausalitäten herstellen zu wollen. Geistige und realweltliche Ereignisse und Strömungen beeinflussen sich gegenseitig, aber aus der Geistesgeschichte die Geschichte an sich abzuleiten wäre genauso vermessen und dumm wie das Gegenteil. Jedenfalls ist der Liberalismus die eigentlich bestimmende Ideologie der Frühmoderne, und überall wird der Ruf nach Verfassung, Nationalstaat, Volksheer, Parlament, Pressefreiheit staatsbürgerlicher Gleichheit und wirtschaftlicher Freiheit laut. Aber schon sehr früh mischt da eine andere Kraft mit, die aus ähnlichen Ursprüngen einen Teil des Weges mitgeht, sich aber bald absetzt: Die radikaldemokratische Bewegung konnte sich im Ziel der staatsbürgerlichen Gleichheit und der Umwerfung der alten Ordnung mit dem Liberalismus einigen, aber weder die Wirtschaftsfreiheit, noch die Gewaltenteilung, noch die meritokratische Ordnung, die eben auch auf ein Klassenwahlrecht hinauslaufen konnte, waren für die Vertreter einer Selbstherrschaft der breiten Massen akzeptabel. Schon im Terror war für eine kurze Zeit diese Bewegung in der Kontrolle des bedeutendsten Landes Kontinentaleuropas, ja der Welt, in England stand sie mit dem Chartismus kurz vor der Revolution, als die Reform Bill die Wogen glättete, und in Amerika war sie der Grund für eine besonders harsche Besatzungspolitik im Süden, die den vormals sezessionistischen Staaten ihre Rechte aberkannte und die weiße Bevölkerung dort zumindest für eine kurze Zeit gegenüber den ehemaligen Sklaven vogelfrei machte. In Deutschland kam die Stunde der Teilung ab 1848, wo die liberale Forderung der „Volksbewaffnung“ nicht nur ein Plädoyer für eine nationale Wehrpflichtigenarmee war, sondern vor allem die bürgerlichen Liberalen vor dem radikaldemokratischen Mob schützen sollte. Soweit der monarchische Staat, wie in England, Italien oder Preußen in den folgenden Jahren bereit war, die wesentlichen Forderungen der liberalen Bewegung zu erfüllen, war man nun zum Zusammenschluß mit den Konservativen bereit, denn die aus der Radikaldemokratie erwachsene sozialistisch-kommunistische Bewegung war nun in den allermeisten Ländern der europäischen Welt eine viel größere Bedrohung für die Errungenschaften des Liberalismus, als es der (Obrigkeits-)Staat noch war. Wenn der Überschrift dieses Abschnitts doch ein Präfix angeheftet wurde, so liegt das daran, daß der bürgerliche Liberalismus doch eine recht große Anzahl an Absetzbewegungen nach links erlebt hat, die oftmals daher rührten, daß eine gewisse bürgerliche Feigheit immer wieder dazu verlockte, in einem Bündnis mit den gemäßigten Teilen des Sozialismus und der Radikaldemokratie zusammenzugehen, um für den Moment den Besitzstand zu wahren oder man sich dadurch tagespolitische Vorteile versprach. So spaltete sich die nationalliberale Reichststagsfraktion schon bald nach 1871, um die Jahrhundertwende versuchten die Jungliberalen um Friedrich Naumann im „National-Sozialen Verein“ eine explizit gegen die Konservativen gerichtete Sammlung von Sozialisten bis linken Nationalliberalen, und dem Interfraktionellen Ausschuß des Reichstags, der die gegen die Oberste Heeresleitung gerichtete Friedensresolution von 1917 erarbeitete, gehörten wiederum Linksausleger der Nationalliberalen an, die dann in der DDP, nicht der DVP, der Zwischenzeit aufgingen, aber auch Stresemanns Anbiedern an die Republik ist kein schlechtes Beispiel für den fortschreitenden Untergang des Liberalismus, der als gestaltende Kraft wohl endgültig mit der Gründung der FDP in den Nachkriegsjahren verschwunden ist, denn die Führungspersonen und der Geist waren durch und durch „demokratisch“ (der Naumann-Kreis hinterließ keinen bleibenden Einfluß). Interessant ist es natürlich, daß aufgrund des Mäkelns der Rechten mit dem Begriff „Liberalismus“ und den mit ihm assoziierten Vorstellungen viele Konzepte des Altliberalismus in der Rechten erhalten geblieben sind, ohne, daß diese dem direkt zugeordnet werden. Nationalstaat, Trennung von Staat und Gesellschaft, Wehrpflichtarmee, Meritokratie, auch das Konzept einer Elite der „Geistigen“, die indirekt über die öffentliche Meinung auf das Regierungshandeln einwirken sollen („Metapolitik“), all dies ist im eigentlichen Sinne liberal. Wer hier den Libertarismus vermißt, der tut dies zu Unrecht. Diese Strömung, die ihre feste Form erst wirklich ab der zweiten Hälfte der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts angenommen hat, ist in Kontinentaleuropa de facto bis auf ein paar „Influencer“ nicht existent und zu vielgestaltig, um sie genuin der Rechten einzuordnen; viele Libertäre würden dies auch entschieden ablehnen. Insofern sie rechts sind, etwa ein Hoppe oder Yarvin, sind sie stark synkretistisch und kaum einer konkreten Denkschule der (klassischen) Rechten zuzuordnen.
Die Bonapartisten
Die Tatsache, daß aus der Revolution 1848 nicht die erwartete demokratische Republik, sondern ein persönliches Regime des Neffen des Korsen entstehen konnte, war für Marx und Engels eine historische Anomalie. England hatte durch die Klugheit seiner Staatsmänner einer Wahlreform erlebt, die den Sprengstoff wegnahm und Marx so weit gehen ließ zu behaupten, daß jeder wahnsinnig sei, der auf gewalttätigem Wege eine Änderung der gesellschaftlichen Ordnung in diesem Lande anstreben wollte. Frankreichs postnapoleonische Eliten waren nicht so klug und erlitten innerhalb von zwanzig Jahren zwei Revolutionen, die die Bourbonen und ihre Nebenlinie Orléans nacheinander vom Thron fegten. Wie konnte nun in diesem zentralisierten, industrialisierten und geistig „fortgeschrittenen“ Land nicht die radikale Demokratie oder gar der Sozialismus folgen? Die Antwort liegt in jener heterogenen Koalition von alten Anhängern des Korsen, bürgerlichen Liberalen und früheren Konservativen, die sich um die Gestalten des dritten Napoleon sammelten und in einem Staatsstreich der Revolution wie der Republik ein Ende machten. Aber dabei blieb es nicht. Das neue Korsenregime war eine höchst eigenartige Konstruktion, die eine große Machtfülle des Diktators (später Imperators), parlamentarische und plebiszitäre Elemente kombinierte, und sich dabei auf breite Unterstützung der Bauern und Kleinbürger verlassen konnte. Progressive Sozialpolitik, imperiale Bauvorhaben (etwa die Errichtung des modernen Paris) und eine aggressiv-imperialistische Außenpolitik vermochten für zwanzig Jahre, den Schrecken der Revolution zu bannen und Frankreich wieder auf die Bildfläche der Weltpolitik zu bringen, etwa mit dem Beginn der Eroberung Indochinas und dem mexikanischen Abenteuer. Aber mit dem ausbleibenden außenpolitischen Erfolg und vor allem der demütigenden Niederlage gegen das werdende Bismarck-Reich war dieses Projekt auch an sein Ende gekommen, was nicht heißt, daß dies nicht eine völlig neue Strömung der Rechten Vorschub leistete, die den Dünkel der Konservativen nicht mehr besaß und vielleicht nicht zu allem, aber zu sehr viel bereit war, um ihre Nation zu erretten. General Boulanger konnte in der geistigen Nachfolge dieses Regimes zeitweise große, und sehr heterogen zusammengesetzte Teile der französischen Öffentlichkeit hinter sich sammeln und war für viele schon als neuer Diktator und Führer des Revanche-Krieges gegen Deutschland fest, wenngleich er schließlich diese Hoffnungen nicht befriedigen konnte und sich alsbald aus der Politik zurückzog. In Deutschland ist Bismarck immer wieder mit diesen Figuren verglichen worden, und es ist schon naheliegend, denn in Wirklichkeit herrschte der Revolutionär im reaktionären Gewand doch sehr viel mehr als die nominell über ihm stehenden Monarchen, und seine Sozial- und Religionspolitik sowie die Einführung des allgemeinen Wahlrechts auf Reichsebene brachten ihm bei seinen konservativen peers den Ruf des verkappten Jakobiners und bei so manchem Liberalen den Ruf des Sozialimperialisten ein. Auch Hindenburg, der, wie etwa Wolfram Pytra herausgearbeitet hat, vielmehr Nationalist als Monarchist, und viel mehr, als es sich seine Standesgenossen und politischen Weggefährten erhofft hatten, Repräsentant der ganzen „Volksgemeinschaft“ als radikalnationalistischer Ideologe war, regierte, gerade während der Zeit der Präsidialkabinette, „bonapartistisch“, und wir finden analoge Persönlichkeiten auch in der Form des überraschend flexiblen Admiral Horthy in Ungarn, beim ursprünglich sozialdemokratischen Marschall Pilsudski in Polen, bei General Franco in Spanien und auch Marschall Petain in Vichy-Frankreich. Der Bonapartismus hat gegenüber dem Konservatismus und (Alt-)Liberalismus den Vorteil, daß seine soziale Basis breiter, seine Methoden flexibler und seine Ideologie weniger doktrinär ist. Überall in der westlichen Welt, wo ein Mann mit einem Willen da ist, Staat und Gesellschaft zerrüttet, die Mittelschichten verängstigt und eine politisch-interessierte bewaffnete Macht vorhanden sind, kann sich ein solcher caudillo im Zweifelsfall durchsetzen. Die Parallelen zum Faschismus sind vorhanden, aber die Besonderheit liegt doch darin, daß die Trennung von Staat und Gesellschaft nicht aufgehoben wird und es in den allermeisten Fällen um ein recht unideologisches Programm der „Nationalen Errettung/Säuberung/Gesundung“ geht, das keinen totalen Wahrheitsanspruch hat und sich in der Stärkung althergebrachter Ordnungsfaktoren wie der Armee, der Kirche, der Bürokratie oder dem Unternehmertum beschränkt. Insofern ist es logisch, daß bei allen angebrachten Beispielen aus dem 20. Jahrhundert eine faschistische Opposition im Lande existierte, die sozusagen den angefangenen Weg der Diktatur zu Ende denken und gehen wollte.
Die Völkischen
Wie in einem vorherigen Artikel in dieser Zeitschrift kundgetan, war das 19. Jahrhundert das Jahrhundert der Geschichtswissenschaft als Leitwissenschaft. Der Zusammenbruch des quasi göttlich gefügten vormodernen Weltbildes und die Frage danach, wie die Gruppe an Menschen, die an den neuen modernen Nationalstaaten und seinen Partizipationsmöglichkeiten teilnehmen sollte, überhaupt auszusehen hätte, schuf überall in Europa ein Sieben und Sichten in den Äckern und Gebeinhäusern, in den staatlichen Archiven und privaten Sammlungen, um zu zeigen, daß dieses oder jenes Volk „schon immer“ da und dort gesessen hätte, schon seit antiken Zeiten kulturell überlegen gewesen ist oder es durch seine höhere rassische Qualität verdient habe, über diese oder jene ethnische Minderheit, diese oder jene Stadt, dieses oder jenes Flußufer, Bergtal oder Meeresgebiet zu herrschen. Die Emanzipation der Juden in West- und Mitteleuropa tat ihr Übriges, denn sie stellte dem etablierten akademischen Bürgertum und dem aufstiegsorientierten Mittelstand nun eine mehr oder weniger klar definierte nationalreligiöse Gruppe als Konkurrenz an die Seite. Die Überschneidungen zu den anderen, etablierten Lagern der Rechten waren anfangs noch relativ groß, und es darf auch nicht vergessen werden, daß eine größere Anzahl von Konvertiten aus dem Lager der Linksliberalen und Radikaldemokraten nun herüberkam, die sich in einer politischen Strömung sammelten, für die Volk und Herkunft, Blut und Rasse, und die Vorstellung eines mehr oder minder totalen Konnex zwischen Herkommen und Sein das zentrale Postulat darstellte. Die Völkischen haben durch diesen Hang zum Grundsätzlichen immer eine Tendenz ins Religiöse gehabt, genauer ins „arteigene“ Religiöse, in ein „germanisches Christentum“, eine „deutsche Gotterkenntnis“ und alle möglichen neopaganen Verirrungen und -wirrungen. Aber, wie dies Weißmann de facto in der neueren Auflage der „KR“ getan hat, die Völkischen auf das völkische Gottsuchen zu beschränken, wird dem Ganzen nicht gerecht. Der völkische „Mainstream“, etwa der Völkische Reichsausschuß der DNVP oder die Deutschvölkische Freiheitspartei, beschäftigte sich nicht parteioffiziell mit diesen Themen, und die Mehrheit von Basis und Führungspersönlichkeiten blieben evangelisch oder zumindest kulturprotestantisch. Die völkische Bewegung hat auch nie ganz ihre Bodenhaftung im (national)liberalen Bürgertum verloren; geistige Spiele um „Zuchtfabriken arischen Menschentums“ standen eher unverbunden neben einer politischen Praxis, die durch und durch eine Vertretung mittelständischer Interessen war, und die Forderung nach der Diktatur stand doch einer ausgeprägten Abneigung gegen den totalen Staat, zunächst gegen den Faschismus, dann auch gegen die Massenmobilisierung im Nationalsozialismus, gegenüber, die etwa Hans F.K. Günther in seinen politischen Memoiren zu einem sehr scharfen Beobachter des Dritten Reiches machte. Die völkische Bewegung hat logischerweise durch die Abkunft des nationalsozialistischen Vernichtungsantisemitismus aus ihrem Gedankengut weder in der Gesamtgesellschaft, noch in der deutschen Rechten nach dem Kriege eine große Rolle gespielt. Durch die ethnischen Konflikte der Gegenwart ist es im Untergrund der Rechten wieder zu einem Erstarken dieses Denkens gekommen, wenngleich in einer oftmals abgeflachten oder stark übersteigerten, neopaganen Form. An dieser Stelle ist natürlich auch zu erwähnen, daß die Vorstellung vom Volk als Abstammungsgemeinschaft keineswegs eine rein „völkische“ Idee ist, sondern als Vorstellung so alt ist wie die Kulturmenschheit selbst.
Der Faschismus, die Nachkriegsrechte und ihre Zukunft
Der Faschismus ist nicht aus sich selbst heraus zu denken. Es gibt in diesem Sinne auch keine kohärente faschistische Weltanschauung, sondern eher eine Ansammlung an Gefühlen und unkonkreten Ideen, und alle Versuche, ein geschlossenes ideologisches Gebäude zu schaffen, stießen im eigenen Lager auf größte Widerstände, nicht zuletzt von den Führern wie Hitler und Mussolini. Der Faschismus ist ein Kind des Krieges und ein Kind des Bolschewismus. Er ist insofern ein Kind des Krieges, als daß dieser Krieg in allen teilnehmenden Staaten der europäischen Welt, aber insbesondere unter den Verlierern oder zu kurz gekommenen Gewinnern einen neuen gesellschaftlichen Typus schuf, nämlich den Frontsoldaten, der nicht einfach im Frieden in der Heimat wieder verschwindet, sondern eine dauerhafte Erscheinung wird, für den mit dem Weltkriege die alte Welt und ihre Werte zu Ende waren, der Kampf ein Wert an sich wurde und für die auch die soziale Distinktion nur noch auf die Funktionalität in einer nationalen Gemeinschaft reduziert wird, die „organisch“ gedacht, aber maschinengleich gebaut wird. Der zweite Aspekt ist der Bolschewismus in Rußland als absoluter Zivilisationsbruch, der mit der Vernichtung von Staat und Gesellschaft des petrinischen Imperiums und seinem Streben nach der Weltherrschaft, das überall Proselyten und „nützliche Idioten“ fand, eine genauso radikale Antwort, einen Konterbolschewismus provozieren mußte, der sich im Nationalsozialismus in vielerlei Hinsicht bei allen kontingenten Faktoren zu seiner logischen Konsequenz geführt wurde. Militarisierung der Gesellschaft, totaler Staat, nationale Gemeinschaft, Lenkungswirtschaft, Führerkult und Antimarxismus, all diese Elemente waren in Teilen der Rechten und bei der kulturellen Avantgarde der Vorkriegszeit schon da, aber nur die besondere Abfolge der Ereignisse machte diejenigen Bewegungen als erfolgreiche politische Projekte möglich, die hier, bei allen Unterschieden, unter dem Begriff „Faschismus“ zusammengefasst werden (dazu seien auch explizit die sogenannten „Nationalrevolutionäre“, die sich ja teilweise selbst als „deutsche Faschisten“ bezeichneten und deren Bewunderung für die Aufbauleistungen der UdSSR ja keineswegs einzigartig und auch bei vielen Führern und Gefolgsleuten des Faschismus an der Regierung zu finden sind, inkludiert). Gerade deshalb ist ein Faschismus nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der mit der totalen Niederlage der so ausgerichteten Regime endete und natürlich auch die in ideologischer Konsequenz verübten Verbrechen aufdeckte, tot. Jedenfalls haben sich alle Bewegungen, die aus dieser Tradition stammen, entweder in die Richtung eines Normalnationalismus zurückentwickelt, wie man es sehr anschaulich gerade in Italien sehen kann, oder sie sind zu kaum erfolgreichen Bewegungen der sozial deklassierten Schichten und zu den Prügelknaben der linken Medien geworden und können mit wenigen Ausnahmen kaum jene jungen Aufsteiger für sich gewinnen, die für den historischen Faschismus als tragend gelten können.
Wie steht es nun um die Rechte nach 1945? Es muß Ulrich Herbert zugestimmt werden, daß eine Trennung von „Alter“ und „Neuer“ Rechter nach ideologischen Gesichtspunkten kaum tragbar ist, auch nicht die von Mohler angestrengte Trennung zwischen einer „belasteten“ und „unbelasteten“. Die deutsche, wie auch die gesamte westeuropäische Rechte der Nachkriegszeit ist in vielerlei Hinsicht der Nachlaßverwalter der oben genannten Richtungen, die in teilweise wilden und eklektischen Mischungen rekombiniert oder separiert werden. Und man kann ihr dies auch kaum verübeln, wenn man bedenkt, daß die bisherigen Grundpfeiler der Moderne, etwa die weltweite politische Dominanz Europas, ein auf der technischen, militärischen und politischen Überlegenheit gegründetes starkes Selbstbewußtsein der Weißen und ein System der internationalen Politik, das sich auf souveränen Staaten gründete, nun zu Ende ging, während im Wahn des Nachkrieges auch intern fanatisch darum gerungen wurde, möglichst alle Verbindungen zur Vergangenheit zu kappen, und dies keineswegs nur in Deutschland. Die Nachkriegsrechte ist von ihrer Vorkriegsvorgängerin vor allem dadurch geschieden, daß aus der totalen politischen Dominanz der Linken in Ost wie West das sehr eigenartige Phänomen hervorging, daß sie von der Linken nicht nur einzelne Stichworte, Parolen oder Ideologiefragmente in das eigene Weltbild oder die eigene politische Praxis eingeschmolzen hat, sondern es zu viele in ihr gibt, die sich händeringend bemühen, päpstlicher als der Papst, oder besser: kommunistischer als das Politbüro zu werden. In jüngerer Zeit wiederum sieht man den Umschlag in die andere Richtung, und neben allerlei Internetradikalismus findet man weit und breit die Beschäftigung mit „traditionalistischen“ Elementen, womit vor allem die Wertschätzung, gar die vorgespielte oder genuine Bekehrung zu einem prä-Vatikanum-II-Papismus verbunden ist. Und neuerdings tritt dazu ein Neo-Vitalismus, der in der bunten Mischung aller möglichen Symbole, Ideologeme und Loyalitäten und einer meisterhaften Nutzung der sozialen Medien vor allem eines kennt, nämlich das Warten auf den Cäsar, an den man sein Herz hängen kann. Man wird also auch in der heutigen Rechter allerlei finden, was vertraut, aber doch fremd wirkt. Und doch bleibt es die Rechte, und ich meine auch hier meine anfängliche Definition halten zu können, denn die nunmehr eintretende politische Lage, nämlich die Bedrohung der Grundfesten der abendländischen Kultur und der europäischen Völker durch eine Politik der kulturellen Vernichtung, geopolitischen Zerreibung und gezielten ethnischen Ersetzung lüftet den Nebel und schafft klare Front. Auch diese Truppe an Hallodris ist noch die Rechte, wenngleich wohl eine sehr viel „bodenständigere“, auch sie kämpft noch gegen den Malstrom der Zersetzung an und für den Erhalt Deutschlands nicht nur als eines Flurnamens, sondern als einer geschichtlichen Tatsache von Rang, und dies in einer bisher noch nie so brenzligen Situation für die deutsche Nation und die weiße Welt als Ganzes. Man kann ihr nur ein gutes Gelingen wünschen.










