„Die Realität ist immer rechts”
Im Gespräch mit Karlheinz Weissmann
Karlheinz Weissmann über sein Buch „Rechts oder links – Die Notwendigkeit politischer Unterscheidung“
Herr Dr. Weissmann, Sie haben kürzlich das Buch „Rechts oder Links“ vorgelegt und betonen in ihm die „Notwendigkeit politischer Unterscheidung“. Im Titelbild ist ein in beide Richtungen zeigendes Verkehrsschild zu sehen. Gab es einen aktuellen Anlass das Werk gerade jetzt zu veröffentlichen, falls ja, welchen?
Einen aktuellen Anlass im eigentlichen Sinn gab es nicht. Mir ging es darum, die Sprach- und Gedankenverwirrung aufzulösen, die immer ausbricht, wenn die Begriffe „Links“ und „Rechts“ in der politischen Debatte Verwendung finden. Dies ist umso bedauerlicher, da wir nicht ohne derartige Schematisierungen auskommen. Wir brauchen Ordnungsprinzipien, um mit der existierenden Unübersichtlichkeit fertig zu werden. Deshalb hilft es so wenig, wenn irgendjemand „nicht in eine Schublade gesteckt“ werden möchte oder ein anderer glaubt, „jenseits von rechts und links“ zu stehen.
Spielte vielleicht auch die jahrzehntelange Kampagne „Kampf gegen rechts“ eine Sie bewegende Rolle, wobei „rechts“ mit „rechtsextrem“ gleichgesetzt wurde. Die Kampagne trat ja spätestens seit Rot-Grün 1998 verstärkt hervor, immer höhere Steuermittel wurde vielfältig über regierungsabhängige NGOs verteilt?
Nun, wir beide wissen, dass die „Dextrophobie“ – also die krankhafte Angst vor allem Rechten – sehr viel älter ist und spätestens seit den 1960er Jahren immer weitere Teile der Bevölkerung, nicht nur der deutschen, befallen hat. Was ganz entscheidend mit der politischen und kulturellen Hegemonie der Linken zu erklären ist, die systematisch die Panik vor dem „braunen Mann“ schürt, und der sich die bürgerliche Mitte nach und nach unterworfen hat.
Allerdings nimmt die ausgrenzende Prägekraft der Anti-Rechts-Kampagnen spätestens seit dem Aufstieg der AfD zur Volkspartei kontinuierlich ab. Welche Gründe sehen Sie?
Joachim Fest hat gesagt „Die Realität ist immer rechts“, und je weniger sich die Realität von Massenmigration, Zusammenbruch der inneren Sicherheit, Wohlstandsverluste, sozialen Verteilungskämpfen und Wiederkehr der klassischen Machtpolitik leugnen läßt, desto entschiedener rücken die Leute nach rechts. Was übrigens – um das auch gleich klarzustellen – kaum mit der Tätigkeit irgendeines „Vorfelds“ oder geistreicher Metapolitik zu tun hat, viel mit gesundem Menschenverstand und einem schmerzhaften Realitäts-Schock.
Zurück zum Rechts-Links-Schema: Es seien vor allem anthropologische Konstanten, so Ihre Darstellung, die dem Rechts-Links-Schema zugrunde liegen. Die Grundannahmen eines Menschenbildes seien in diesem Zusammenhang wichtig, ja entscheidend. Warum ist das so? Könnten Sie das bitte einmal näher ausführen?
Von einer anthropologischen Konstante ist insofern zu sprechen, als der Mensch ein leibliches, aufrechtstehendes und -gehendes Wesen ist, das der Orientierung im Raum bedarf. Deshalb unterscheiden wir „oben-unten“, „vorne-hinten“, „rechts-links“. Wobei man sich nicht vorstellen darf, daß diese Unterscheidungen als solche angeboren sind, sie sind aber angelegt. Bei der Rechts-Links-Unterscheidung hat das vor allem mit der zentralen Bedeutung der menschlichen Hand zu tun und deren Interaktion mit dem Gehirn. Die Tatsache, daß über neunzig Prozent aller Menschen Rechtshänder sind, erklärt schon den traditionellen Vorrang der Rechten gegenüber der Linken, der sich in der Sprache bis heute erhalten hat. Wer einen Eid schwört, wird ganz selbstverständlich aufgefordert, seine rechte Hand zu heben, dann geht es „recht“, mit „rechten Dingen“ zu, etwa vor dem „Gericht“, dessen „Richter“ dafür sorgt, daß „Recht geschieht“, das im besten Fall „gerecht“ ist, auf daß alles wieder „richtig“ wird. Dagegen wollen wir nicht „gelinkt“ werden von jemandem, der „link“ ist, und wir empfinden „linkisches“ Verhalten als unangenehm. Erst nach der Französischen Revolution hat auf dem Feld eine Umwertung stattgefunden, weshalb schon in der Nationalversammlung sicherheitshalber niemand mehr auf der rechten Seite sitzen wollte. Die Folge war, das, was Peter Richard Rohden „Linksmystik“ genannt hat.
Inwiefern wirken Lebenserfahrung und Alter auf die Entwicklung von linken oder rechten Positionen ein? Otto von Bismarck wird ja die Aussage zugeschrieben, sinngemäß auch von vielen anderen: „Wer in seiner Jugend kein Sozialist ist, hat kein Herz, wer es mit 40 immer noch ist, hat keinen Verstand!“
Das Zitat ist so plausibel, daß es auch von Clemenceau oder Churchill stammen könnte. Aber sei dem, wie dem sei. Es hat fraglos mit einer gewissen Lebenserfahrung zu tun. Dies läßt die Einsicht in die erwähnte Realität wachsen, was regelmäßig zu einer Rechtsverschiebung der Weltanschauung führt. Allerdings ist hier ein Vorbehalt wichtig: Das, was bei älteren Menschen als Konservatismus erscheint, ist oft nur ein Festhalten. Es geht da nicht etwa um eine rechte Sicht auf die Dinge. Sie wollen beim Gewohnten bleiben, weil es das Gewohnte ist. In dem Sinn gibt es eben auch konservative Anarchisten oder konservative KP-Funktionäre. Vor allem aber gibt es diejenigen, die im Zuge des Erwachsenwerdens einem Prozeß unterworfen wurden, den man früher mit brutaler Ehrlichkeit als „innere Verödung“ bezeichnet hat und der dann in seiner Starrheit mit Konservatismus verwechselt wird.
Bleiben wir einmal bei der roten Brause im Kopf junger Politik-Engagierter: Da hat sich das 37jährige quirlige Covergirl der Linkspartei, Heidi Reichinnek, angesprochen auf den von einer linksextremen „Vulkangruppe“ verübten Terroranschlag auf die Berliner Stromversorgung Anfang Januar, so geäußert: „Für mich ist dieser Anschlag nicht links. Linkssein heißt, sich für eine Gesellschaft einzusetzen, die für alle gerecht ist.“ Wie verblüfft sind Sie ob dieser semantischen Deutungs-Dialektik? Die Frau ist immerhin Fraktionsvorsitzende ihrer Partei im Deutschen Bundestag.
Was mich nicht beeindruckt. Im Grunde probiert sie nur aus, was Ernst Jünger den „jakobinischen Zauberstab“ genannt hat, einen rhetorischen Trick, mit dessen Hilfe noch jedes linke Politikdesaster, jeder linke Machtmißbrauch, jeder linke Anschlag und jeder linke Massenmord irgendwie entschuldbar scheint, weil ja die gute Absicht dahinterstand. Was – das ist fraglos eine rechte Einsicht – mit der Unfähigkeit zusammenhängt, eine entscheidende Wahrheit zu begreifen: „Der Weg in die Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.“
Nochmals ein Blick auf den alten Reichskanzler Otto von Bismarck und seiner Sicht vom Wesen der Politik. Sie sei die „Kunst des Möglichen“ erklärte er knapp und einleuchtend. Hieße das im Umkehrschluß, daß viele links-politisierte Gesellschaftsentwürfe sich in der „Kunst des Unmöglichen“ versuchen und damit letztlich scheitern?
Sehr knapp könnte man es wohl auf diese Formel bringen. Aber vielleicht ist es doch nützlich, etwas weiter auszuholen. In meinem Buch „Rechts oder links“ habe ich darauf abgehoben, daß die Rechte und die Linke durch verschiedene Denkstile gekennzeichnet sind. Das wird vor allem deutlich, wenn man sich die Axiome – also die nicht weiter ableitbaren Grundüberzeugungen – ansieht, von denen die jeweilige Seite ausgeht. Nehmen wir das Menschenbild, dann zeigt sich, daß die Linke den Menschen immer als „gut“ voraussetzt, während die Rechte ihm alles zutraut, das heißt, es gibt Helden und Heilige, aber auch Feiglinge und Schufte. Das sind Einschätzungen, die eng mit der linken Vorstellung zusammenhängen, daß die Natur im Grunde ein Park ist, eine harmlose Idylle, während die Rechte sie eher als Savanne betrachtet, in der Löwen lauern können; dann das Geschichtsdenken, das auf der Linken von einer Fortschrittserwartung geprägt ist, die auch die moralische Seite umfaßt – wir können immer besser werden, wenn die gesellschaftlichen Umstände es erlauben, meint man links –, während die Rechte einen Wechsel zwischen Aufstieg und Dekadenz annimmt und Dekadenz immer für wahrscheinlicher hält als Aufstieg. Daraus erklärt sich zuletzt, daß die Linke als Zielwert „Gleichheit“ angibt, im Grunde Nämlichkeit, die Rechte aber „Ordnung“, genauer: eine gute, also sinnvoll gegliederte Ordnung.
Herr Dr. Weissmann, wir führen unser Gespräch im Verbandsorgan der „Deutschen Burschenschaft“ (DB). Wenn Sie die Geschichte dieser patriotischen Bewegung seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert einmal unter dem Gesichtspunkt politischer Richtungen betrachten. Ist sie eine mehr rechte oder eher linke Bewegung, oder vermischen sich in ihrer Geschichte beide Elemente?
In meinem Buch habe ich deutlich zu machen versucht, daß sich der Rechts-Links-Unterschied zu verschiedenen Zeiten auf verschiedene Weisen manifestiert. Als die Burschenschaft gegründet wurde, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ging es um den Widerstreit von Konservativen auf der Rechten und Liberalen auf der Linken; Sozialisten spielten noch keine Rolle. Im ersten Lager waren alle möglichen Auffassungen vertreten, vom altständischen Denken über die Verteidigung des Absolutismus bis zu der Idee, daß man eine Art „Volkskönigtum“ neu gründen müsse. Bei den Liberalen gab es die „Historisch-Liberalen“, die im Grunde keine wesentliche Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse wünschten, aber Rechtsgleichheit verlangten, weiter Bewunderer der englischen Verfassung, aber auch „deutsche Jakobiner“. Letztere waren in der Gesamtbewegung nur eine kleine Minderheit, besaßen aber Einfluß auf die Burschenschaft, man nehme nur die „Schwarzen“ oder „Unbedingten“. Gleichzeitig spielte in ihren Reihen auch die Romantik eine Rolle, die je länger desto deutlicher eine konservative Tendenz zeigte, und mit dem Scheitern der 48er-Revolution kam in der ganzen Nationalbewegung die von einem Burschenschafter – August Ludwig von Rochau – geforderte Wende in Richtung „Realpolitik“. Das und der von den Korporationen ganz wesentlich getragene „Reichspatriotismus“ nach 1871 hat wesentlich dazu beigetragen, den Burschenschaften einen konservativen Charakter zu geben, unbeschadet der Tatsache, daß es in ihren Reihen weiter einige Linke und eine erhebliche Zahl von Liberalen im klassischen Verständnis gab.
Trifft diese Einschätzung auch auf Österreich zu?
Dort hat das Scheitern der März-Revolution und einer großdeutschen Einigung die Burschenschaften vielfach zu einer „deutschnationalen“ Position getrieben. In der kamen die alten Forderungen des Vormärz weiter zur Geltung – nehmen Sie nur das Festhalten an den „alldeutschen“ Farben Schwarz-Rot-Gold oder die Robert-Blum-Verehrung -, womit man im Grunde zur linken Opposition gegen die Habsburgermonarchie gehörte. Die wiederum mußte schon aus Gründen der Selbsterhaltung gegen jeden Nationalismus im Vielvölkerstaat vorgehen und tat das auch mit den Mitteln des Polizeistaats, was dann eine erhebliche Reserve der Burschenschaften auch und gerade in Transleithanien gegenüber der Obrigkeit zur Folge hatte. Diese nicht-gouvernemtale Haltung ist ja bis heute typisch für das „freiheitliche“ und im allgemeinen Verständnis rechte Lager Österreichs. Und dann spielte noch eine neuartige „völkische“ Ideologie eine Rolle, die bezeichnenderweise vor allem von frustrierten Ex-48ern getragen wurde, und die auch einen ausgesprochen antikapitalistischen Zug hatte. Sie sehen hier sehr deutlich, daß die Zuweisung nach „rechts“ und „links“ immer einer Justierung in der geschichtlichen Lage bedarf.
Wo wir schon bei Unübersichtlichkeiten sind: Wie würden Sie den Faschismus und den Nationalsozialismus in Ihr Rechts-Links-Schema einordnen?
Das läßt sich in aller Kürze kaum erklären. Aber so viel müßte klar sein: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist unter den Eindruck der Industriellen Revolution und der Entstehung einer zahlreichen Arbeiterschaft die Gruppierung der Sozialisten neben die der Liberalen und der Konservativen getreten. Die Sozialisten wollten das Prinzip der Gleichheit auch auf den Besitz ausdehnen und die bestehende Gesellschaftsordnung vollständig umstürzen. Allerdings rechnete die Mehrheit der Linken vor dem Ersten Weltkrieg dann eher mit einem schrittweisen, friedlichen Übergang in den „Zukunftsstaat“. Nur eine Minderheit, in erster Linie die Anhänger Lenins, beharrte auf der gewaltsamen Erhebung des Proletariats und setzte ihre Pläne im Zuge der Oktoberrevolution 1917 in Rußland um. Die hatte allerdings den Schönheitsfehler, daß sie kaum von denen getragen wurde, die nichts zu verlieren hatten als ihre Ketten, sondern von einem Kader aus Berufsrevolutionären. Faktisch hatte Lenin den Grundsatz anerkannt, daß eben doch nicht alle gleich sind, sondern nur Eliten Geschichte machen. War das noch links?
Währenddessen entstand in Italien eine Formation revolutionärer Nationalisten, die den Krieg als Gelegenheit betrachteten, die bestehenden Verhältnisse niederzureißen und Italien gewaltsam eine Stellung als Großmacht zu verschaffen. Allerdings bestand diese Gruppe – ihre Anhänger nannten sich „Faschisten“ – bezeichnenderweise aus abtrünnigen Sozialisten. Ihr Führer Mussolini hatte einmal als der kommende Mann der Sozialistischen Partei Italiens gegolten, und man forderte die Abschaffung der Monarchie, der Staatskirche und die Vergesellschaftung der Betriebe in einer Art Rätedemokratie. War ein solcher Sozialnationalismus schon rechts?
Um es klar zu sagen: Nach den Maßstäben des 19. Jahrhunderts lassen sich Bolschewisten und Faschisten schwer einordnen. Sie waren offenbar etwas Neues, weil sie Elemente aus Weltanschauungen, die bis dahin mit gutem Grund als feindlich betrachtet wurden, neu zu verschmelzen suchten. Die Sache wurde übrigens auch nicht eindeutiger, als Lenins Nachfolger Stalin den „Sowjetpatriotismus“ und die Größe von Mütterchen Rußland entdeckte oder Mussolini seinen Frieden mit Krone, Papst und Unternehmerschaft schloß. Faktisch hatte man es mit neuartigen politischen Ansätzen zu tun, die entschlossen waren, tabula rasa zu machen, also Konservatismus, Liberalismus und klassischen Sozialismus beiseitezuschieben …
Aber wie paßt da der deutsche Nationalsozialismus hinein?
Ich könnte es mir leicht machen und sagen, daß das eben die hiesige Variante des Faschismus war. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Zwar war auch Hitler ein enttäuschter Linker und ein Verächter der bürgerlichen „Geldsäcke“ wie Mussolini, aber sein Ansatz ging wesentlich weiter als der des Italieners und sein Denken war bestimmt von einem Darwinismus, der die Herrschaft über die Erde als einen „Wanderpokal“ betrachtete – so seine Worte -, um den in endlosen Kämpfen immer neu gerungen werde. Verglichen mit Hitler war Mussolini ein klassischer Nationalist, für den der Faktor „Rasse“ keine Rolle spielte. Dagegen glaubte Hitler, daß der Faktor „Rasse“ entscheidend sei, was seinen Niederschlag in einer brutalen – „natürlichen“ – Hierarchie finde, in der „Herrenmenschen“ über den „Untermenschen“ stehen. Im Hinblick auf den Grad des Kollektivismus und die Totalität seines Programms und die Bereitschaft, dazu das Leben von Millionen auszulöschen, ähnelte der „rechte“ Hitler vor allem dem „linken“ Stalin, für den er bewundernde Worte fand, auch weil der entschlossen gegen „rechts“ geschlagen, also die aus den alten Führungsschichten stammenden Gegner vernichtet hatte. Hitler wußte ja sehr genau, daß die einzigen, die ihm gefährlich werden konnten, aus den traditionellen Eliten stammten. Man hat mit gutem Grund gesagt, daß sich die Namen der Gefallenen des 20. Juli wie die Offiziersliste eines vornehmen Regiments der Monarchie liest.
Kommen wir damit zur Gegenwart. Der Kommunismus, der Faschismus, der Nationalsozialismus sind längst Geschichte. Was bleibt also im Hinblick auf den Rechts-Links-Gegensatz?
Wenn Sie sich an Francis Fukuyamas Ankündigung des „Endes der Geschichte“ nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems erinnern, dann war die ja verbunden mit der Vorstellung, daß es zur „liberalen Demokratie“ keine Alternative mehr gäbe. Sie schien triumphiert zu haben, indem sie fortsetzte, was im 19. Jahrhundert von Liberalen und Sozialisten begonnen worden war und sich nun vollendete in Selbstentfaltung, Markt, Konsum und Mehrparteiensystem. Mit Blick auf die Globalisierung schien man eine adäquate, weil an keine konkrete kulturelle Überlieferung gebundene Ideologie gefunden zu haben. Tatsächlich stieß diese Annahme lange Zeit auf breite Zustimmung. Aber das änderte sich spürbar zu Beginn des neuen Jahrhunderts mit dem Aufstieg der „populistischen“ Parteien. Die speisten sich anfangs aus liberalen Motiven, vor allem dem Protest gegen Steuerlast und Bürokratie. Dann kam die Wahrnehmung hinzu, daß man von einer abgehobenen „Kaste“ regiert werde, die sich als Teil einer neuen, internationalen Aristokratie betrachtet und für die eigenen Leute und das eigene Land nichts übrig hat außer Verachtung. Hier könnte man von einer Art konservativem Fundamentalismus sprechen. Und zuletzt ist die Wahrnehmung immer stärker geworden, daß in Zeiten knapper werdender Ressourcen alle Umverteilung zu Gunsten der Asozialen an der Spitze wie der Basis der gesellschaftlichen Pyramide stattfindet. Das könnte man cum grano salis als klassisch linke Position betrachten.
Was die Einordnung in ein Rechts-Links-Schema auch nicht einfacher macht.
Nein, selbstverständlich nicht. Wir befinden uns fraglos in einer Phase des Übergangs – der „Transformation“, wie es immer so schön heißt –, und der Populismus ist ein Symptom der Unsicherheit, nicht etwa die politische Antwort auf die anstehenden Probleme. Die gilt es erst noch zu formulieren. Aber das war nicht die Absicht meines Buches. Da werden Sie, fürchte ich, noch auf ein anderes warten müssen.
Herr Dr. Weissmann, vielen Dank für dieses Interview.
Das Gespräch für die „Burschenschaftlichen Blätter“ führte der Ex-Deutschlandfunk-Redakteur, Verbandsbruder Bernd Kallina, Burschenschaft Danubia München 1973.






