Das Gleichgewicht der Kräfte: Bismarcks Erbe und die moderne Hybris
von Cornelius Relegatus (Alte Burschenschaft Burgkeller Jena in der DB!)
Die Außenpolitik des Deutschen Kaiserreichs war ein Spiel aus Kalkül und Charakter, aus Maß und Übermut. Zwischen Bismarcks vorsichtiger Balancekunst und Wilhelms ungeduldigem Geltungsdrang spiegelt sich der Wandel einer Nation, die lernen mußte, daß Macht ohne Maß zur Gefahr wird. Wer heute auf diese Epoche blickt, entdeckt weniger vergangene Geschichte als ein vertrautes Echo politischer Eitelkeit.
Im Jahr 2025 spielt die Politik jene ungeliebten Töne, an die man sich in den letzten Jahrzehnten bereits gewöhnt hat, noch eindringlicher. So mancher wacht mit klingelnden Ohren auf und fragt sich, woher diese Mißtöne kommen. Wann diese Mißtöne ein Ende finden werden, ist momentan noch unklar. Da das Kartenlegen und Kaffeesatzlesen aber den alten Zigeunerfrauen überlassen werden sollte, möchte ich am Ende dieses ereignisreichen, doch politisch eher zähen Jahres den Blick zurückwerfen auf eine Zeit, die vielen nicht nur als eine der besten Epochen für Deutschland, sondern auch für das Verbindungswesen gilt. Nach den Einigungskriegen von 1864 bis 1871, durch die sich das deutsche Volk immerhin von zwei Dutzend eigenständigen Körperschaften auf zwei reduziert hatte, schienen die (realistisch erreichbaren) Ziele der Nationalbewegung erreicht. Diesem Urteil schlossen sich viele Burschenschaften an. Über dem Reich thronte nicht nur Kaiser Wilhelm I. von Hohenzollern, sondern auch Reichskanzler Bismarck, der sich außen- wie innenpolitisch das letzte Wort vorbehielt.
Das „System Bismarck“
Bismarck – ein Ungetüm der deutschen Geschichte! Wenn man über das Reich spricht, kommt man nicht an ihm vorbei. Gleichzeitig steht man aber auch vor dem Problem, nicht jeden Funken der deutschen Politik an ihm zu entzünden und jede Wendung der Geschichte seinen wechselhaften Stimmungen anzudichten. Betrachtet man die Politik des Hohenzollernreichs von den Ergebnissen her, könnte man den Eindruck gewinnen, der eiserne Kanzler hätte für jede Situation die richtige Lösung parat gehabt – ein Mythos, den Bismarck selbst noch zu Lebzeiten eifrig pflegte. Golo Mann konstatierte zum „System Bismarck“: „Vor ihm war Biedermeier, nach ihm kamen Weltpolitik, Weltkrieg und Revolution. So kann es nicht anders sein: Seine Person muß uns immer wieder beschäftigen, sein Name muß in unserer Erzählung vorkommen, fast bis zum Überdruß.“
Ein Mann mit einem solchen Übermaß an historischem Gewicht fand nur schwerlich Platz im Parlament der „Kammerschwätzer“, wie Bismarck sie nannte. Er mied zeitlebens die Zugehörigkeit zu einer Partei wie der Teufel das Weihwasser. Die Mehrheitsverhältnisse des Reichstags erschienen ihm zu wankelmütig und er fühlte sich zu abhängig von den wechselhaften Neigungen des Volkes, dessen Verehrung er genoß, dessen Liebe er jedoch nie erwiderte. Bismarcks Vorstellung von der deutschen Nation als ständiger Verhandlungspartner der preußischen und ihr gefügigen Monarchien ist ein Bild, mit dem man heute fremdeln muß und das wohl auch damals nicht der Realität entsprach.
Nichtsdestotrotz war es kein Selbstläufer, daß der europäische Friede auch nach dem Wagnis der Reichseinigung relativ stabil blieb, wozu Bismarcks Außenpolitik maßgeblich beitrug. Dazu gehörte die für den Juncker schmerzliche Erkenntnis, daß Deutschland, wenn man es nicht zähmte, in hegemoniale Träume und damit in einen selbstzerstörerischen Kurs hineinwachsen würde. Diese Befürchtung wurde von den europäischen Großmächten, allen voran Frankreich, geteilt. Dessen Wunsch nach kontinentaler Hegemonie war mit einem geeinten Deutschland in der Mitte Europas in weite Ferne gerückt. Mit dem Friedensvertrag von Paris und den zu leistenden Reparationen erkaufte sich das Deutsche Reich zwar sein erstes Wirtschaftswunder (und auch die erste Wirtschaftskrise), machte sich aber auch einen unversöhnlichen Feind an seiner Westflanke, der nur auf die passende Gelegenheit für eine Revanche wartete. So ist es nicht überraschend, daß Bismarck einen Großteil seiner außenpolitischen Arbeit auf eine Isolation des Erbfeindes konzentrierte.
Doch auch im Osten drohte die zunehmende Rivalität zwischen der K. u. k.-Monarchie und dem russischen Zarenreich Deutschland in einen Konflikt zu ziehen. Aus dieser Mittel- und Mittlerposition Deutschlands und seines Kanzlers Bismarck entstand jenes Bündnissystem, das heute trotz aller Distanz zum ersten modernen deutschen Staat durch dessen Nachfolger in den Schulen als Paradebeispiel für eine effektive und stabile Friedensordnung vermittelt wird. Von den sechs Bündnissen, an denen Deutschland direkt (oder im Fall des Mittelmeerabkommens von 1887 zwischen Großbritannien und Italien indirekt) beteiligt war, überlebten nur der Zweibund mit Österreich-Ungarn und der später wenig gerühmte Dreibund, ergänzt um Italien, Bismarcks Abtritt. Die Diskussionen, ob der Erste Weltkrieg ohne die diplomatischen Verschachtelungen des ersten Reichskanzlers 30 Jahre früher oder mit einem durch übermenschliche Jugend ausgestatteten Bismarck verhindert worden wäre, gehen weit auseinander. Sie sind zwar interessant, jedoch rein kontrafaktische Spekulationen. Sicher ist jedoch, daß die entscheidenden Konferenzen (Berliner Kongreß 1878, Kongokonferenz 1884) nicht nur in Berlin tagten, sondern auch noch ein letztes Mal den Geist Metternichs (im positivsten Sinne) zur europäischen Einigkeit beschworen.
Der Bruch von 1890 – Abschied vom Maß
Nach Bismarcks Ausscheiden aus dem Amt – ein Ereignis, das von einigen im Berliner Umfeld herbeigesehnt und von vielen betrauert wurde – mußten sich seine Nachfolger nicht nur mit dem Erbe des Übergroßen herumschlagen. Auch die sich dramatisch zu Deutschlands Ungunsten entwickelnde weltpolitische Großwetterlage sowie das wankelmütige, übermäßig stolze und in Teilen doch auch butterweiche Gemüt des jungen Kaisers Wilhelm II. stellten die auswärtige Diplomatie vor große Herausforderungen. Wilhelm hatte im Dreikaiserjahr 1888 erst seinen Großvater und wenig später seinen Vater zu Grabe getragen. Mit 29 Jahren war er nun der Herrscher einer der führenden Mächte Europas. Wilhelms Kanzler – bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vier an der Zahl, minus Bismarck, den er 1890 entließ – begegneten den vor ihnen liegenden Herausforderungen mit unterschiedlich ausgeprägtem Geschick. Leo von Caprivi, Reichskanzler von 1890 bis 1894, war von Bismarck persönlich als Nachfolger ausgewählt worden, konnte den Geist des Eisernen Kanzlers jedoch nicht vollständig einfangen. Mit seiner liberalen Wirtschaftspolitik und seinen kolonialen Ambitionen machte er sich nicht nur die ostelbischen Junker, sondern auch die anderen europäischen Großmächte zum Feind. Caprivi wollte das „Phäakendasein“ des Reiches beenden, zertrümmerte letztlich jedoch nur das Bündniskonstrukt seines Vorgängers.
Auch der nächste in der Reihe der glücklosen Reichskanzler, Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (Reichskanzler von 1894 bis 1900), war seit den frühen Stunden ein Unterstützer der Politik Bismarcks. Zuletzt war er Statthalter in Straßburg. Er hatte mehr mit dem Erbe seines einstigen Förderers zu kämpfen, als eigene Ambitionen umzusetzen. Seine Leistung, das Zentrum als Interessenpartei statt als Teil der „Reichsfeinde“ im Innern zu integrieren, täuschte nicht über sein eher blasses außenpolitisches Profil hinweg. Erst mit Bernhard von Bülow (Reichskanzler von 1900 bis 1909) fand das wilhelminische Reich einen zeitgemäßen Politiker, der Deutschland „ohne unnötige Schärfe, aber auch ohne Schwäche“ seinen verdienten „Platz an der Sonne“ verschaffen wollte. Was bis dahin an diplomatischem Geschirr nicht zerbrochen wurde, legte Bülow mit eigener Ambition und ausreichendem Erfüllungswillen gegenüber dem Kaiser für den nächsten Polterer bereit. Die Zeiten des „ehrlichen Maklers“ Bismarck waren vorbei, nun galt jedes Mittel, um die Stellung des Reiches in der Welt zu sichern. Es gibt hierzu nur wenige Schlagworte zu nennen: Flottenwettrüstung, Marokkokrise 1905/06 und die Gründung der Triple Entente (1907). Diese Eckdaten kennzeichnen den Abstieg Deutschlands an den Rand der europäischen Verflechtungen – ein Prozeß, der ohne die Flottenpläne des Admirals von Tirpitz nicht möglich gewesen wäre. Seine riskante Geltungssucht um jeden Preis kostete von Bülow letztlich im Zuge der Daily-Telegraph-Affäre folgerichtig das Vertrauen Wilhelms und seine Stellung – eine folgerichtige Entwicklung der Ereignisse.
Vom Gleichgewicht zur Sackgasse
Das fragwürdige Erbe Bülows trat der konfliktscheue Theobald von Bethmann Hollweg mit dem Versuch der Verständigung nach innen wie außen an. Doch Polarisierung und Isolation im Spiel der europäischen Mächte vereitelten die teils ungeschickten Versuche des „Weltkriegskanzlers“, das Reich aus der doppelten Sackgasse herauszumanövrieren. Durch den voreiligen und undurchdachten „Blankoscheck“, den er Österreich während der Julikrise 1914, dem Vorabend des Ersten Weltkriegs, ausstellte, beschädigte er nicht nur sein politisches Erbe, sondern trug auch persönlich zum Ausbruch des Großen Krieges bei. Über das völlige Versagen bzw. den kollektiven Unwillen der deutschen und europäischen Diplomatenkreise bis zum unvermeidlichen Ausbruch des Krieges ließe sich viel schreiben, und es wurde bereits viel Gutes und Schlechtes geschrieben. Doch als 1914 die Lunte an Europas Pulverfaß brannte, war es weniger ein einzelner Funke, der die Katastrophe entzündete, als die Summe jahrelanger Spannungen. Die militärischen Bündnisse, einst zur Abschreckung geschaffen, hatten sich in Fesseln verwandelt, die im Ernstfall keinen Ausweg mehr ließen. Der Nationalismus der Zeit verlangte nach Größe, und der Sozialimperialismus versprach Ablenkung von inneren Konflikten durch äußere Abenteuer.
Das System Bismarcks beruhte auf einem paradoxen Gleichgewicht: Stabilität durch ständige Bewegung. Kein Bündnis war ewig und keine Freundschaft unantastbar, denn die Kunst bestand darin, sich zu binden, ohne sich zu fesseln. Diese taktische Flexibilität, die Bismarck meisterte, ging unter Wilhelm II. verloren, als der Wille zur Mäßigung durch einen absoluten Machtanspruch ersetzt wurde. Er hielt die Zügel fest, aber er zog sie nicht bis zum Zerreißen. In den Kabinetten Europas war sein Wort mehr Wertpapier als Drohung. Diese vorsichtige Stärke, geboren aus Erfahrung und Mißtrauen gegenüber den eigenen Leidenschaften, machte ihn zu einem Sonderfall unter den Staatsmännern seiner Zeit. Er wußte, daß Diplomatie vor allem eines verlangt: Geduld. Doch der Preis dieser Geduld war Einsamkeit. Wer nur an Sicherung denkt und nicht an Glorie, wird bald von jenen verdrängt, die nach Ruhm verlangen. Während das 19. Jahrhundert noch ein Jahrhundert der Balance war, wurde das 20. Jahrhundert das der Bewegungen. Die Logik der Sicherung wich der Sehnsucht nach Geltung. Die als gefährliche Versuchung erkannte Tendenz, Macht sichtbar zu machen, wurde nun zum politischen Programm. „Platz an der Sonne“ nannte man es, und der Begriff klang harmlos, beinahe poetisch. Tatsächlich begann hier jedoch die Entfremdung des Reiches von seiner eigenen Vernunft. Die Außenpolitik wurde zur Bühne, der Kanzler zum Statist und das Reich verwechselte Haltung mit Pose.
In diesem Wechsel von Maß zu Maßlosigkeit liegt eine tiefere Wahrheit über den Zustand jeder politischen Ordnung: daß sie nicht an Feinden scheitert, sondern an ihren eigenen Trieben. Staaten, so scheint es, sind wie Menschen, sie erkennen ihre Grenzen erst, wenn sie sie überschreiten. In den Jahren nach Bismarck wollte Deutschland nicht mehr nur dazugehören, sondern führen. Es war, als hätte man das Mißtrauen des Alten durch den Ehrgeiz eines Jünglings ersetzt. Und wie jeder Jüngling war auch dieses Reich überzeugt, unverwundbar zu sein. Man kann darin das Psychogramm einer ganzen Epoche lesen: jung, stolz, begabt, aber auch ungeduldig. Heute, mit dem Abstand eines Jahrhunderts, liest sich dieses Drama weniger als Abfolge von Daten und Verträgen, sondern als Lehrstück über die Versuchung der Macht. Bismarcks Bündnissystem war kein starres Netz, sondern ein bewegliches Gleichgewicht. Jeder Vertrag hatte ein Ablaufdatum, jede Allianz ein Hintertürchen. Stabilität wurde nicht durch Treue, sondern durch Takt hergestellt: ein gefährliches, aber kunstvolles Spiel. Seine Nachfolger hielten das für Schwäche. Sie verkannten, daß gerade das ständige Austarieren den Frieden trug. Wer Balance mit Zögerlichkeit verwechselt, verliert beides: Bewegung und Richtung.
Lehren der Geschichte
Die Politik des langen 19. Jahrhunderts wirkt und aufgrund ihrer scheinbaren Klarheit näher als das Treiben der Hinterzimmer, die man heute als primäre Entscheidungsträger identifizieren muß. Die Welt ist lauter geworden, die Politik unmittelbarer, die Geduld kürzer. Wo einst Telegramme über Wochen durch die Kanzleien wanderten, liefern heute Sekunden die Schlagzeilen. Bismarck ist kein Sinnbild parlamentar-demokratischer Wunschträume, aber nicht umsonst das Vorbild effektiver Politik. Seine Antipathie gegenüber delegierten Volksvertretern ist heute nachvollziehbarer denn je. Statt sich von den Wellen seiner eigenen Beliebtheit tragen zu lassen, lenkte er sie zu seinen Gunsten. Er verstand, daß Frieden selten im Rampenlicht geschlossen wird und man mit ihnen auch keine Triumphzüge veranstalten oder Denkmäler begründen kann.
Ein Rückblick auf das 19. Jahrhundert darf daher nicht nur historische Nostalgie sein und muß tiefer gehen als eine reine Bismarck-Verehrung. Der Weg in den Weltkrieg war weder vorgezeichnet noch unaufhaltbar – bis er es schließlich war. Was dem einen als bleierne Trägheit vorkommen muß, fehlt der Republik so offensichtlich wie nie: die Versicherung, im Spiel der Mächte einen sicheren Platz zu haben. Und so versteigt man sich in Rüstungs- und Wehrpflichtdebatten, nachdem außenpolitisch wilhelminische Töne gespuckt wurden. Währenddessen gibt es zu fast keinem Thema einen wirklichen Konsens, und der Eindruck drängt sich auf, daß außenpolitische Sicherheitsgarantien und -absprachen längst zum Ballast geworden sind. Die Geschichte des Kaiserreichs, der erste große Versuch deutscher Weltpolitik, ist daher weniger Mahnmal als Spiegel. Sie zeigt, wie eng Erfolg und Hybris, Vernunft und Eitelkeit beieinanderliegen. Bismarcks größter Triumph war es, das Reich nicht über seine Möglichkeiten hinauswachsen zu lassen. Sein größter Fehler war jedoch, zu glauben, daß sich diese Erkenntnis vererbt. Nach ihm kam die Generation der Lauten, der Selbstdarsteller und der Spieler. Die Geschichte hat ihnen allen die gleiche Antwort gegeben.
Zweifellos mangelt es heute an einem Politiker mit dem Schneid eines Bismarcks. Ihm kann man allenfalls nacheifern, aber wohl nie das Wasser reichen. Die viel wichtigere Frage ist jedoch, ob sich auch heute wieder Spieler und Selbstdarsteller an der Spitze unserer Nation drängen oder ob sich ein völlig überforderter Verwalter- und Beamtenstaat mit der neuen Zeit nach dem Kalten Krieg nie wirklich arrangieren konnte. Wer heute Freund oder Feind sein kann und soll, scheint zugleich festgeschrieben und austauschbar zu sein. Aber wem außer uns Deutschen kann es überhaupt zugetraut werden, es gut mit uns zu meinen? Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Lektion: Politik ist keine Bühne, sondern Balanceakt. Die Kunst besteht nicht darin, den lautesten Ton zu treffen, sondern den richtigen. Wer das versteht, muß sich nicht täglich neu erfinden. Bismarck wußte das. Seine Nachfolger nicht. Und wir? Wir sind noch dabei, es wieder zu lernen.










