Der letztjährige Burschentag brachte uns eine Generaldebatte über das Verhältnis von burschenschaftlicher Bewegung und Christentum. Diese hitzig verlaufende Auseinandersetzung blieb am Ende doch relativ ergebnislos. Umso mehr Anlaß dazu, nach den historischen Wurzeln nicht nur des Verhältnisses von Nationalbewegung und Christentum, sondern nach der gemeinsamen Geschichte von Volkstum und Kirche schon in frühester Zeit zu fragen.

Das Christentum tritt an jenem Punkt als eigenständige Bewegung auf den Plan, als die Germanen gerade ins Licht der Geschichte getreten sind. Kaum ein Jahrzehnt, nachdem der siegreiche Cheruskerfürst Arminius von seiner eigenen Verwandtschaft ermordet wurde, ging der Nazarener ans Kreuz, um, wie es die Christenheit seitdem bekennt, die Welt mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben und seiner Auferstehung von der Sünde und dem Tod zu erlösen. Schon in frühester, biblischer Zeit, sind Menschen aus Mitteleuropa mit dem Christentum in Kontakt gekommen. Nicht zuletzt ist einer der Briefe des Apostels Paulus an den keltischen Stamm der Galater gerichtet, der im dritten Jahrhundert vor Christus gewaltsam in Kleinasien eindrang und erst durch ein Großaufgebot der Seleukiden zur Landnahme in Mittelanatolien – das heutige Ankara war ihre Hauptstadt – gezwungen wurde.

Germanen im Imperium Romanum und erste Christen

Belege für germanische Namen unter den Christen der ersten anderthalb Jahrhunderte finden sich so gut wie nicht, aber wir dürfen den internationalen und kosmopolitischen Charakter des Römerreiches dieser Zeit nicht vergessen: Sarmatische Reiterverbände kämpften für die Römer gegen Pikten und Kaledonier in Britannien, eine chinesische Gesandtschaft erreichte nur durch böswillige Umleitung der Parther den Kaiserhof in Rom nicht, und die internationalen Handelsnetzwerke reichten von Skandinavien bis Punt, und von den Kanaren bis nach Hinterindien. Germanen kämpften damals, teils schon wie Arminius als römische Bürger, teils als Hilfstruppen, an allen Fronten des Imperiums, um sich Ruhm und Reichtum für die Machtkämpfe in der Heimat zu gewinnen, aus Lust am Kampfe um seiner selbst willen, oder eben, um dem Norden zu entkommen. Wie es auch Anhänger anderer neuer Ostreligionen, etwa des Mithraskultes unter germanischen Soldaten gegeben hat, werden auch einige Christen unter ihnen gewesen sein. Und noch konkreter macht es Irenäus von Lyon, der in seiner Schrift Adversus haereses (Gegen die Ketzereien), das sich gegen die Gnosis richtet, von „Kirchen, die in Germanien gegründet wurden“ spricht, und daß diese „[nichts anderes] glauben und überliefern [wie] die in Hispanien, die im Osten, die in Ägypten, die in Libyen und die in den zentralen Regionen der Welt“ (I,10).

Ab dem dritten Jahrhundert nach Christus werden die Belege schließlich größer an der Zahl. Die jüngst in Frankfurt am Main entdeckte Silberinschrift belegt die Anwesenheit von Christen an der germanischen Grenze des Imperiums im 3. Jahrhundert, und an der Donaugrenze des Imperiums setzte ein Jahrhundert später erstmals die Mission eines ganzen germanischen Stammes durch christliche Missionare ein:

Wulfila und die Mission der Goten

Wulfila, wohl teilweise Nachkomme provinzialromanischer Verschleppter im Gotenlande, wurde vom Bischof von Konstantinopel zum „Bischof der Christen im gotischen Land“ geweiht und wirkte als Missionar unter den terwingischen Goten, die später den Kern der Westgoten bilden sollten. Da sich ein Teil des Stammes gegen die Mission wehrte, verbrachte er sein Exil in Thrakien damit, dem Gotischen eine eigene, aus Runen, lateinischen sowie griechischen Buchstaben entwickelte, Schrift zu geben, und übersetzte folglich die Bibel ins Gotische. Das aus dieser Zeit überlieferte „Vater unser“ auf Gotisch sollte prägend auf die Liturgiesprachen des gesamten germanischen Raumes wirken, die sich damals entwickelten. Durch seine Mission bekannten sich zum Ende des 4. Jahrhunderts hin die Eliten und große Teile der Bevölkerungen der Goten, Wandalen und Burgunder zum christlichen Glauben. Eine kostbare Kopie der Wulfilabibel, die unter der Herrschaft Theoderichs des Großen im Italien des 6. Jahrhunderts angefertigt wurde – der Codex Argenteus – wird heute in der Universitätsbibliothek von Uppsala aufbewahrt.

Aber mit Wulfila setzt auch eine Sonderentwicklung in den Kirchen Germaniens ein: Dieser war zwar kein radikaler Arianer, war jedoch von dieser Richtung beeinflußt und hatte sich gegen die starke nizäanische Fraktion für die Wahrung der Kircheneinheit eingesetzt. Die Mission in germanischen Landen separierte damit die Germanen ironischerweise theologisch von der römischen Reichskirche, was in kommenden Jahrhunderten zu religiösen Spannungen zwischen germanischen und provinzialromanischen Eliten führen sollte.

Mission und Konversion in der Völkerwanderungszeit

Die Völkerwanderungszeit setzte den Trend zur Missionierung der Germanen fort. Wohl noch im 4. oder frühen 5. Jahrhundert treten die Langobarden zum Christentum über, Ende des 6. folgen die Angelsachsen, und bis 700 war die Missionierung Bayerns im Wesentlichen abgeschlossen. Zu Beginn des 8. Jahrhunderts wird auch Thüringen christlich. Und im kurzlebigen Reich der Ostgoten in Italien unter dem großen Theoderich lebten arianische und nizäanische Christen in einer bisher kaum bekannten Toleranz zusammen.

Schicksalsschwer ist aber vor allem die Konversion und Taufe eines Mannes, der wohl zu Weihnachten 496 das Baptisterium der Kathedrale von Reims betrat. Chlodwig, König der Franken, der seinem Volke fast ganz Gallien erobert hatte, hatte geschworen, Christ zu werden, wenn ihm der Christengott in der Schlacht bei Zülpich gegen die Alemannen den Sieg schenken würde; und er hatte gesiegt. Nach geradezu altgermanischer Art nahmen, zumindest nach dem Bericht Gregor von Tours, dreitausend seiner Gefolgsleute am gleichen Tage ebenfalls die Taufe entgegen. Die Taufe durch Bischof Remigius von Reims, die nach dem nizäanischen Ritus und Bekenntnis geschah, machte Weltgeschichte und war auch für die Germanen von größter historischer Relevanz. Das größte und zukunftsträchtigste Reich der Völkerwanderungszeit war gerade zu jener Kirche übergegangen, dem auch der Bischof von Rom angehörte, der in den kommenden Jahrhunderten eine dominierende Stellung erringen würde. Diese folgenschwere Kombination würde gerade das Reich der Deutschen durch ein Jahrtausend begleiten.

Aber wenden wir unseren Blick nun auf die Peripherien: Unter ihrem König Leovigild traten die Westgoten noch im 6. Jahrhundert ebenso zum Bekenntnis von Nizäa über, während die Wandalen vor ihrer Vernichtung in Nordafrika durch die Byzantiner zeitweise sogar religiöse Verfolgungen gegen die Katholiken angestrengt hatten. Unter dem Banner des Kreuzes führte seit 711 der westgotische Adel seinen Abwehrkampf gegen die maurisch-mohameddanischen Horden um das Schicksal Spaniens, und bei Tours und Poitiers kämpfte und siegte ein christliches Kriegeraufgebot für die Zukunft des Abendlandes. In England war es bis zur berühmten Synode von Whitby (664) nicht klar, ob die Angelsachsen kirchenrechtlich Rom oder einer irisch-schottischen Sonderkirche unterstehen würden, die sich seit dem 3. Jahrhundert relativ unabhängig vom Rest des Westens entwickelt hatte. Zur gleichen Zeit war auch der Arianismus der Langobarden passé. Irlands Mönche würden, zusammen mit Angelsachsen seit ihrer Christianisierung, auch eine Mission bei den „Vettern“ auf dem Kontinent betreiben, und unter Widukinds Männern werden so einige gewesen sein, die jedenfalls theologisch mit dem Mann aus Aachen keine Probleme hatten.

Am Ende des ersten Jahrtausends: alle germanischen Stämme christianisiert

Was man auch immer zu den brutalen Kampfmethoden des Karolingers sagen will; ohne die religiöse Einigung der germanischen Stämme zwischen Rhein und Elbe hätte es längerfristig kein gemeinsames Reich und damit auch keine deutsche Nation gegeben. Eineinhalb Jahrhundert nach Widukinds erzwungener Taufe würden sich die Sachsen selbst in den Werken Widukind von Corveys ein stolzes Denkmal setzen und von sich behaupten, daß sie das christliche Kaisertum von den Franken übernommen und weitergeführt hätten. Nicht nur im Zeichen der nationalen Landnahme, sondern auch im Sinne der Ausbreitung des Christentums würden unter den Ottonen Reichsgewalt, die stark ausgebaute Reichskirche und die Lokalpotentaten zur Unterwerfung und Zivilisierung des slawisch-gewordenen Ostens antreten; und als erste große Tat der Ostkolonisation kann die Erhebung Magdeburgs zum Erzbistum gelten, die vom zeitlichen Abstand kaum weit von der Kaiserkrönung Ottos in Rom liegt. Als schließlich unter Ottos unglücklichem Sohne die Slawen die schwere Niederlage gegen die Sarazenen in Süditalien nutzten, um die deutschen Marken nördlich von Meißen zu vernichten, da mordeten sie die Pfaffen und branden die Bischofsitze nieder, so gleichbedeutend war damals im Osten Deutschtum und Christentum.

Nur der skandinavische Bereich war zu dieser Zeit noch nicht großflächig christianisiert, was nicht an einer besonderen Treue am alten Glauben gelegen haben kann, denn die Warärger wie die Normannen nahmen sehr schnell (im Falle der Normannen Rollos bereitwillig bei der ersten Gelegenheit) den neuen Glauben an. Wer einmal ehrlich die Edda liest, dieses Werk einer Spätzeit, der wird verstehen warum. Das ganze Vergehen der Götterwelt, die Vernichtung des Kosmos, nachdem etwas ganz Neues kommt, das ist entweder von jenen christlichen Mönchen, die es zusammengestellt haben, geschrieben, oder es ist ein Zeichen dafür, daß die „alten Götter“ (die im Falle Wotans wohl kaum älter als die Völkerwanderungszeit ist) keine Antworten auf die großen Fragen mehr liefern konnten. Im Jahre 1000 nahm der isländische Allthing offiziell das Christentum als Landesglaube an. Damit hatten, an der Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend, alle germanischen Stämme, von den süditalienischen Langobarden bis zu den Isländern, von den Westgoten und iberischen Sueben bis zu den Warärgern den neuen Glauben angenommen.